Europa ist kein Christen-Club

Angestrichen: Auch Europa braucht ein ideelles Fundament.
michael-moorstedt

Angestrichen: Auch Europa braucht ein ideelles Fundament. Wo steht das denn? In einem Gastkommentar der Tageszeitung „Die Welt“, geschrieben von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der vom Fernsehsender Phoenix kürzlich als „Schöngeist und Strippenzieher“ portraitiert wurde. Nebenbei ist er aber auch enorm mitteilungsbedürftig. Das hat der Beobachter zuerst durch die von ihm neu losgetretene Frage nach einer deutschen Leitkultur bemerken können. Und auch weiterhin sucht Norbert Lammert nach einer großen Idee für das Leben in dieser fragmentierten Welt, in der wir alle mit einem Patchwork - Wertekanon konfrontiert sind. Das gilt natürlich besonders für das Europa der 25. Lammert stellt in seinem Artikel die Frage nach dem identitätsstiftenden Moment, nach dem „gemeinsamen Fundament von Werten und Überzeugungen.“ Eine Debatte, die abseits aller realpolitischen Kontroversen über Nettobeiträge und Agrarsubventionen geführt werden kann. Es geht um die Frage: Wer ist aus welchem Grund und mit welchem Ziel Europäer. „Viele Europäerinnen und Europäer empfinden die Identität (...) des gemeinsamen Hauses Europa eher als fragil und weniger als stabil“, meint Herr Lammert. Woraus er diese Befindlichkeit diagnostiziert, bleibt unklar. Viel schlimmer aber ist die Unverfrorenheit, mit der er seiner Meinung Allgemeingültigkeit verleiht. Vielleicht ist Norbert Lammert vorsichtig geworden, nachdem er sich in der letzten Debatte seine Diskursfinger verbrannt hat, jedenfalls schreibt er: „Eine europäische Leitidee bezieht sich notwendigerweise auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame religiöse Traditionen.“ Das ist jedoch nichts weiter als ein in die Länge gezogenes Synonym für das sogenannte „christlich europäische Abendland“, das immer noch allzu oft auf die Frage nach dem kleinsten gemeinsamen und eben europäischen Nenner genannt wird. Europa ist jedoch kein Christen-Club, wie der Soziologe Ulrich Beck erkannt hat. Wer in diesen dialektischen Kategorien denkt, entlarvt sich erstens selbst in seiner Beschränktheit und verwehrt den Millionen Europäern, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion nicht in dieses Schema passen, die Anerkennung. Zweitens ist es kontraproduktiv „das gemeinsame Haus“ Europa nach einer nationalstaatlichen Logik bauen zu wollen. Nur ein Europa, das diese Tradition überwindet, kann europäisch im Sinne einer Nationalität sein. Das Problem, dass Diversifikation eine gemeinsame Idee und sehr wohl auch identitätsstiftend sein kann, scheinen die ewig hadernden noch nicht verstehen zu können. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es bereits eine Generation gibt, deren Mitglieder mit einer solchen Selbstverständlichkeit Wohn-, Studien- und Arbeitsort quer durch alle EU-Mitgliedsstaaten wechseln, dass sie mit Recht als „praktizierende Europäer“, oder Kosmopoliten, wie Ulrich Beck es ausdrückt, zu bezeichnen sind. Diese Entwicklung wird anhalten und der Gedanke an ihr Resultat lässt einen fast wieder an eine Utopie glauben.

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