Fernes Island: Ein Buch über Füchse, Menschen und Abgründe

In "Schattenfuchs" erzählt Sjón von einem Island im 19. Jahrhundert, Traditionen und Aufklärung in der eisigen Kälte des Winters.
nina-heinrich
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Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? Im Buch „Schattenfuchs“, in dem der isländische Schriftsteller Sjón zwei Welten, zwei Geschichten und mehrere Schicksale verknüpft. Der „Schattenfuchs“ befindet sich auf Island, es ist Januar im Jahre 1883. Sjón gliedert das Buch in vier Teile. In zweien geistert der Pfarrer eines kleines Dorfes, Baldur, durch eine Schnee-und Eis-Welt. Die Geschichte von Fridrik, einem Naturforscher, und Abba, einer jungen Frau mit Down-Syndrom, wird erst im Rückblick und dann parallel erzählt, gegen Ende ahnt man, wie die Stränge zusammenhängen.

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Illustration: Julia Schubert

Baldur ist besessen von der Fuchsjagd: Auf der Jagd nach einer schwarzen Füchsin gerät er in einen Schneesturm und wird von einer Lawine verschüttet. Spätestens, als er die Füchsin vierfach sieht, zweifelt man, ob er träumt oder vielleicht halluziniert, vor Kälte oder Hunger, oder ob sich in Island tatsächlich so merkwürdige Dinge ereignen. Schließlich gibt es dort auch einen Elfenbeauftragten. Sjón, der mit vollem Namen Sigurjón B. Sigurdsson heißt, beschreibt Island als Ort der Gegensätze: Die Weite der Landschaft steht der geistigen Enge des 19. Jahrhunderts auf einem Flecken am Ende der Welt gegenüber. Vor allem Fridrik, der in Dänemark studiert hat und nach dem Tod seiner Eltern den Hof übernommen hat, mag sich nicht mehr so recht auf die Dorfbewohner einlassen. Fridrik und der Pfarrer Baldur als Pole einer Geschichte, aber auch als Symbol für zwei Weltanschauungen - dazwischen Abba und ein Geheimnis aus Baldurs Vergangenheit. Wer nun Klischee-Alarm wittert, sei auf die überraschend klaren und schonungslosen Beschreibungen Sjóns verwiesen – der Autor fängt das vermeintlich Typische an Bildern und Figuren durch seine elegante, detailreiche Sprache auf. Verwirrend und leicht skurril bleibt das Buch streckenweise trotzdem. Sjón hat sich als Verfasser von Texten für Björk (die Texte zur Musik von Lars von Triers „Dancer in the dark“ stammen von ihm) einen Namen gemacht, eine gewisse Versponnenheit scheint ihm also eigen zu sein. In „Schattenfuchs“, seinem fünften Roman, zeigt der Isländer eine Welt, in der geistig behinderte Kinder nach der Geburt umgebracht wurden, die Fuchsjagd noch das eigene Überleben sichern half und Inselbewohner wenig Kontakt zu anderen Nationen hatten. Steht im Bücherregal zwischen: Peter Høegs „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ und einem der zahlreichen Mankell-Krimis. „Schattenfuchs“ von Sjón ist im Fischer Verlag erschienen.

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