Für mehr Toleranz: Der rassistische Rosenverkäufer im Klassenzimmer

Angestrichen: „Ich heiße Sad. Ich bin ein Stück Scheiße. Das hab ich nicht gewusst. (...) Ich verkaufe Rosen. Dazu habe ich kein Recht. (...) Das Boot ist voll! Zum Teufel mit der Gastfreundschaft! Ein paar Hundert, ein paar Tausend - meinetwegen! Aber nicht eine Völkerwanderung!“
henrik-pfeiffer
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Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? In „Dreck“, einem Theaterstück von Robert Schneider („Schlafes Bruder“; „Die Luftgängerin“), das bereits 1993 bei Reclam Leipzig erschienen ist. Das Buch ist also nicht neu, dafür ist der Inhalt leider immer noch brandaktuell. Es geht um den Iraker Sad, der allabendlich durch die Bars seiner Stadt zieht, um rote Rosen zu verkaufen. Genauer gesagt hält Sad einen Monolog über sein Dasein als illegaler Einwanderer. Wider Erwarten beschwert er sich jedoch nicht über sein Leben in einer von Ausländerfeindlichkeit durchtränkten Umgebung. Er liebt Deutschland. Das verbindet ihn mit den Rassisten und Nationalisten, deren Beschimpfungen und Anfeindungen er uneingeschränkt übernimmt, und für deren Haltung er vollstes Verständnis zeigt. Sad übernimmt den Hass, der ihm entgegengebracht wird und richtet ihn gegen sich selbst. Ausgehend von Schneiders Stück hat der Schauspieler Jörg Tewes eine eigene Interpretation von „Dreck“ entwickelt, die er nicht auf Theaterbühnen, sondern in deutschen Klassenzimmern aufführt. „Mit Schneiders Buch hat mein Stück nicht mehr viel zu tun“, so Tewes. „Es enthält im Gegensatz zum Original viele interaktive Elemente. Das Projekt hat den Untertitel ‚Ein Untermensch verteidigt den Rassismus’. Durch diesen Wiederspruch und das Spiel mit diesen ganzen Nazibegrifflichkeiten wecke ich das Interesse der Schüler und versuche dann ihre vorgefertigten Haltungen aufzubrechen. Ich fand es spannend herauszufinden, was da passiert, wenn man sich als illegaler Einwanderer präsentiert und dann diese Naziparolen brüllt.“ „Alle Türken ins Meer!“ Unterstützt wird das Projekt durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern. Jörg Tewes hat langjährige Stadt- und Landesbühnenerfahrung und mit „Dreck“ bereits rund 200 Aufführungen an Berufsschulen, Gymnasien, Haupt-, Real- und Gesamtschulen gespielt. Die Vorstellung dauert 45 Minuten, anschließend folgt eine Diskussionsrunde. „Klar – wenn da 20 Glatzen, vom NPD-Kader fein säuberlich indoktriniert, vor mir sitzen, weiß ich, an die komm ich nicht ran. Aber um die geht’s auch nicht. Es geht um die graue Masse dazwischen – Jugendliche, die altersrassistisch unterwegs sind, ohne zu hinterfragen. Da bringt’s was, einzuhaken. Die stell ich in meinem Stück auf einen Tisch und lasse sie ‚Alle Türken ins Meer’ singen und ‚Ausländer raus!’ schreien. Bei denen macht es dann schon öfter ‚klick’. Und wenn danach die türkischen Schüler beleidigt sind, weil sie denken, es ginge nur gegen sie, dann versuche ich ihnen mit einfachen Fragen klar zu machen, dass es genau so gut die Holländer, Österreicher oder Ukrainer sein könnten. Die Zusammenhänge sind einfach, also muss man sie auch einfach erklären. Toleranz und Menschlichkeit fördert man nicht, indem sich irgendwelche Akademiker treffen, sich gegenseitig in ihren Einstellungen bestätigen und ein paar politisch korrekte Folien erstellen, die dann in den Schulen an die Wand geworfen werden.“ „Dreck“ reinigt die Augen Da das Stück bundesweit aufgeführt wird, sind die Reaktionen unterschiedlich, aber nicht in dem Maß, wie man es erwarten würde. „Ich kann keine großen Unterschiede zwischen Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland ausmachen, obwohl ich damit gerechnet hatte. Sicher ist es ein Unterschied, ob ich an einem Gymnasium in Düsseldorf oder einer Berufsschule in der Mecklenburg-Vorpommerschen Pampa spiele. Aber der Knackpunkt liegt – bundesweit – im Bildungsniveau und in der Perspektive. Und wenn ich, wie heute, an einem Schulzentrum spiele, wo 3000 Schüler in die Arbeitslosigkeit ausgebildet werden, dann ist klar, dass die Reaktionen von genau den Ängsten geprägt sind, die hier den Alltag ausmachen. Manchmal verschiebt sich der Fokus auch völlig. Ich war schon in Klassen, wo neun verschiedene Nationalitäten vertreten waren. Die ganze Deutschdebatte tritt dann total in den Hintergrund, und es geht vielmehr um die mangelnde Toleranz und den Rassismus zwischen den Nationalitäten.“ Die Schüler, insbesondere diejenigen mit keiner eindeutigen politischen Ausrichtung, reagieren positiv auf Tewes Vorstellung. „Am Schluss des Stücks schlage ich mir selbst einige Male hart ins Gesicht und beschimpfe mich, den Ausländer, als Schwein, das rausgeschmissen gehört. Das kapiert jeder. Und keiner, der noch nicht durch gezielte Propaganda verdreht wurde, will das. Wenn ich dann merke, da sind ein paar, die das echt begreifen und zumindest drüber nachdenken, dann reicht mir das schon.“ Foto: Open PR

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