Gefährliche Blogs

Cover: Kiepenheuer & Witsch angestrichen: Die Geschichte meiner Generation habt ihr schon oft gehört.
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Illustration: Julia Schubert

Cover: Kiepenheuer & Witsch angestrichen: Die Geschichte meiner Generation habt ihr schon oft gehört. Eine Generation, die mit Bomben, Raketen, Krieg und revolutionären Parolen aufgewachsen ist... Eine Generation, deren Sparschweine die Form von Handgranaten in Tarnfarben hatten... Die Frauen meiner Generation werden nie vergessen, wie ihre Lehrer fest an den winzigen Haarsträhnen zogen, die sich irgendwie aus dem Schleier verirrt hatten. Die Männer meiner Generation werden nie vergessen, wie sie fünf Mal ins Gesicht geschlagen wurden, wenn sie ein T-Shirt einer westlichen Marke getragen hatten... Wo steht das denn? Online, auf dentin.blogspot.com, einem von mehr als 65.000 iranischen Weblogs. Und in Nasrin Alavis’ Buch „Wir sind der Iran - Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblogszene“. Hier wird versucht die aufbegehrende Subkultur widerzuspiegeln. Aber das Buch ist mehr als ein bloßer Screenshot: Neben den vielen Texten und Fotos aus den Blogs gibt Nasrin Alavi einen Einblick auf die Geschehnisse seit der islamischen Revolution, der weiter reicht, als die allgemein bekannte Nachrichtentopographie. Mit viel Spott, Zorn und Poesie schreiben die persischen Blogger über ihre alltäglichen Probleme mit dem Regime und der Repression von Frauen aber auch von Partys und Musik. Das Schreiben von Weblogs ist im Iran zum einzigen Mittel politischer Meinungsäußerung und –bildung geworden und selbst das ist nicht ganz ungefährlich, denn als weltweit erste Staatsmacht unternahm die iranische Regierung rechtliche Schritte gegen die Blogosphäre. So wurde der Journalist Sina Motallebi im April 2003 aufgrund seiner Äusserungen im Internet verhaftet. Seitdem wurden weitere Blogger verhaftet, gefoltert oder zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Und trotz aller Repressionsversuche oder vielleicht gerade wegen diesen, bleiben der neuen Bewegung noch Hoffnungen. Auf eine Verbesserung der Umstände und die Legalisierung des Meinungsschwarzmarkts. Acetaminophen schreibt: „Der Tag wird kommen, an dem alles, alles gut wird. Es wird keine Zensoren mehr geben, die Blogs durchkämmen... Dann werden du und ich bis zum Morgengrauen mit einer Flasche Champagner durch die Straßen schlendern... Natürlich nur, wenn es deine Mutter erlaubt.“ Da bleibt dem durchschnittlichen deutschen Internetnutzer nur ein betretenes Gesicht zu machen, während er seine Einsichten zu Angela Merkels Tränensäcken hochlädt, und sich in den anderen geöffneten Fenstern des Browsers durch die Warenwelt der Online-Shops klickt. Steht im Bücherregal neben: „Persepolis: Eine Kindheit im Iran“ von Marjane Satrapi „Wir sind der Iran“ von Nasrin Alavi, 386 Seiten, 9 Euro 90. Erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

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