Gluck, gluck, gluck

Angestrichen: Und dann öffne ich die erste Flasche Bier meines Lebens – ohne Öffner gar nicht so einfach, ich werde stinkwütend dabei; doch dann gelingt es mir am Eisenholm der Holzbank, so wie ich’s dem bekloppten Hans-Peter mal abgeschaut habe. Und ich trinke den ersten Schluck Bier meines Lebens, warm und bitter; brrr. Aber es muss sein. Früher oder später muss es sowieso sein. Und da, ab dem dritten, vierten Schluck, da beginne ich zu verstehen… Ja, ab dem vierten, fünften Schluck, da geht’s erst richtig los… Ja…
maik-soehler

Wo steht das denn? In Frank Schulz’ neuem Roman „Das Ouzo-Orakel“, der die so genannte Hagener Trilogie des Autors abschließt. Wurde in den ersten beiden Bänden, „Kolks blonde Bräute“ und „Morbus Fonticuli“ noch alles Alkoholische weg getrunken, was sich nicht rechtzeitig verflüchtigen konnte, geht es diesmal über weite Strecken erstaunlich nüchtern zu. Schulz’ Ich-Erzähler Bodo Morten ist nach allerlei Exzessen und einem Nervenzusammenbruch samt Reha aus Deutschland geflohen und im griechischen Dorf Kouphala abgetaucht.

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Illustration: Julia Schubert

Dort lebt er abstinent in einem hübschen Häuschen, hält sich strikt an seine mühevoll erstellten Tagespläne (Schreiben, Lesen, Schwimmen usw.) und sucht nur abends die Gesellschaft Anderer in der Taverna Plaka. Wo sich Einheimische und Dauertouristen im Ouzo zu ertränken versuchen, nippt Bodo nur am Quellwasser und genießt sein neues Dasein. Ausschweifend sind bei ihm allein die Erinnerungen an die Jugendzeit auf dem norddeutschen Lande. Doch es kommt, wie es kommen muss, und mit der Ankunft Monika Freymuths, die er als Schüler einst anhimmelte, ist Bodos beschauliches Leben in Kouphala vorbei. Das Chaos bricht sich Bahn und mit ihm der Durst bzw, „Doäß“, wie ihn der in Hamburg lebende Autor nennt. Selbst als Leser hat man plötzlich das Gefühl, ganz dringend etwas trinken zu müssen. Beladen mit einer Fünf-Liter-Bombe Anisschnaps tritt Bodo schließlich den Weg zu seiner letzten Rettung vor dem drohenden Untergang an: dem Ouzo-Orakel. Frank Schulz gehört zu den wenigen deutschen Gegenwartsschriftstellern, die humorvoll erzählen können, ohne dabei ständig ins Witzelsüchtige und Comedyhafte abzugleiten. Seine Jugenderinnerungen sind so komisch wie präzise. Sie leuchten das Leben in der Provinz mit großer Sympathie für die dort lebenden Menschen aus, werden dabei aber nie gestrig-verklärend („Früher war es doch am besten“) oder heimattümelnd („Am Lande ist es doch am schönsten“). Wer denkt, „Das Ouzo-Orakel“ - und mit ihm die gesamte „Hagener Trilogie“ - sei Trinkerliteratur, liegt nicht ganz falsch. Wer sich daran aber nur berauschen will, wird am Ende bitter enttäuscht sein. Eine Verherrlichung des Trinkens bietet Frank Schulz jedenfalls nicht. Eher einen tragikomischen Blick auf das, was vielen als das Normalste der Welt gilt: den Alkohol. Und darauf, was er mit uns anstellen kann. Steht im Bücherregal zwischen: „Bier!“ von Jürgen Roth/Michael Rudolf und „Trocken!“ von Augusten Burroughs. Das Ouzo-Orakel von Frank Schulz, 545 Seiten, 24,90 Euro. Erschienen bei Eichborn Berlin.

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