Habenwollen: Ein Textmarker zum Shoppen

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Wo steht denn das? In „Habenwollen“, einem Sachbuch von Wolfgang Ullrich, das sich der Frage widmet, wie die Konsumkultur funktioniert. Es geht - wie der Titel sagt – ums „Habenwollen“. Denn kaufen ist toll, das weiß jeder, und selbst die Pfennigfuchser und Geiz-ist-geil-Finder können eine gewisse Genugtuung angesichts gefüllter Einkaufstüten nicht verleugnen. Die gängige Gegenposition ist einfach, Geld nur für das nötigste ausgeben, einen Teil spenden und nicht permanent auf raffinierte Werbetechniken und Sonderangebote hereinfallen. Woanders kommen schließlich sechsköpfige Familien eine Woche mit den 20 Euro aus, die wir mal eben für das fünfzehnte Shirt über die Ladentheke schieben. Solche Gedankengänge sind den meisten schonmal untergekommen, haben aber meist nur bis zum nächsten Schuhladen gehalten. Alles Quatsch, sagt Wolfgang Ullrich. Kaufen ist gut für die Seele, gehört zu den Grundbedürfnissen und ist Teil der Selbstfindung, findet er. Und erklärt auf 200 Seiten, wie das ist mit dem „Habenwollen“. Warum muss es das iBook sein statt des einfachen Notebooks, warum die Adidas Vintage Kollektion und nicht die erstbesten Turnschuhe von Deichmann? Warum kaufen wir, was wir kaufen und was wollen wir damit ausdrücken? Weil alles zunächst historisch erklärt werden muss, erzählt er als erstes, wie das eigentlich früher war, mit dem Konsum. Als Sachen noch hergestellt wurden, damit sie noch die Urenkel verwenden können. Weil heute aber alles neu und in sein und vor allem aussehen muss, gibt es viele Leute, die sich permanent Gedanken machen, was wir denn als nächstes wollen könnten, ohne es zu brauchen Ullrich erklärt uns, wie die Unternehmensfachleute darauf kommen, dass wir Walkmans in Bohnenform wollen (weil das für das noch bevorstehende, sich entfaltende Erlebnis steht) und was Sinusmilieus sind. Er erklärt genau, welche Gedankengänge in den Marketingabteilungen hinter dem stecken, was wir einfach nur als Zahnpastatube oder Schokoladentafel im Supermarktregal sehen und wie es kommt, dass Marktforscher schon wissen, was wir wollen, bevor diese Wünsche in unserem eigenen Bewusstsein angekommen sind. Weil alle Grundbedürfnisse in unserer Konsumkultur aber schon erfüllt sind, werden bestehende Sachen vor allem verändert – äh, verbessert. Deshalb ist Staubsaugen ein Putzerlebnis mit mehreren Düsen und sichtbarer Dreckgenese geworden, Duschgels befreien uns nicht nur von Schweiß und Alltagsgestank, sondern geben uns Power und „revitalisieren“ uns. Und damit uns alt hergebrachte Dinge auch heute noch ersetzungswürdig durch ein neues Produkt erscheinen sollen, sehen Mixer manchmal aus, als wären sie gerade noch in einer Küche auf dem Mars benutzt worden und Cremes pflegen unsere Haut nicht nur sondern bräunen sie auch schonmal für den Sommer. Die Gegenstände, die wir kaufen, sollen ja in der Regel nicht nur brauchbar sein, sondern auch unsere Wünsche, Einstellungen und Vorlieben ausdrücken. Ullrich erklärt uns die Konsumkultur und will uns damit vom schlechten Gewissen befreien. „Habenwollen“ und ab und zu das Konto überziehen ist ganz normal, ja natürlich und gehört zu den Grundbedürfnissen, sagt er. Kaufen ist eine Form der Selbstbereicherung wie es Sport, Kunst oder Literatur auch sein kann. Und geht sogar soweit, zu behaupten, dass Kaufen zum seelischen Gleichgewicht beiträgt. Schuldgefühle wegen Shoppings sind überflüssig. Wichtig ist ihm nur, dass bewusst zu tun. „Habenwollen“ ja, aber nicht immer und überall, findet Wolfgang Ullrich, und ruft uns zu bewusstem Fröhnen der Konsumkultur auf. Woher das Geld dafür kommen soll, kann er aber auch nicht erklären. Steht im Bücherregal zwischen: Dem Eichborn Lexikon der Werbesprüche und Florian Illies "Generation Golf". Habenwollen von Wolfgang Ullrich, 217 Seiten, 17,90 Euro ist im Fischer Verlag erschienen.

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