Heimatroman auf Reisen

Angestrichen: Daß das, was mir so selbstverständlich erschien, vor dem Hintergrund meines Vaters nichts Selbstverständliches hatte, wird mir eigentlich erst jetzt klar, wo ich in Zagreb bin und meiner Familie begegne, die ich im Grunde nur aus Super-8-Filmen kenne.
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Daß das, was mir so selbstverständlich erschien, vor dem Hintergrund meines Vaters nichts Selbstverständliches hatte, wird mir eigentlich erst jetzt klar, wo ich in Zagreb bin und meiner Familie begegne, die ich im Grunde nur aus Super-8-Filmen kenne. Wo steht das denn? In "Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde" von Nicol Ljubić. Der Autor, erfolgreicher Journalist und Schriftsteller und sein Vater, 64-jährig und von schwerer Krankheit gezeichnet, lassen sich von Mutter ein Verpflegungspäckchen schnüren und ziehen los in die Vergangenheit. Sie unternehmen eine Reise nach Zagreb, wo der Vater Kindheit und Jugend verbrachte und an die Stationen, die er auf seiner Flucht aus dem damals noch kommunistischen Jugoslawien bis nach Deutschland durchlief. Grizzly, so war der Vater in jüngeren Jahren wegen seiner imposanten Statur genannt worden, ist so einer, der gerne Geschichten erzählt. Davon, wie er Motorradrennen gewann, wie er ganze Pferdehälften lässig schulterte. Einer, der Schwächen nicht zuzulassen scheint, der Wert auf Pünktlichkeit und Disziplin legt, der aber auch Weiber hatte und nebenbei mit Schrottautos handelte. Grizzly ist geborener Südländer und er ist Deutscher geworden. Er hat die beschwerliche Flucht über Italien und Frankreich durchgestanden, hat sich eine neue Existenz aufgebaut, hat sich bei der Lufthansa als Flugzeugtechniker nach oben gearbeitet und viel von der Welt gesehen. Nun, nachdem Folgeerkrankungen einer Malaria ihn schwer mitgenommen haben, kann er nurmehr erzählen von den alten Zeiten und sein Sohn mag ihm einiges nicht so recht glauben. Das ist einer der Gründe, warum er seinen Vater zu der Reise bewegt. Die Beiden machen sich auch auf die Suche nach der Wahrheit in den Geschichten des Alten. Dabei haben sie meist Erfolg. Es finden Wiedersehen mit Kollegen statt, die der Vater seit Jahrzehnten nicht gesehen hat, manchmal erinnert er sich vor Ort an Details seines Lebens auf der Flucht. Martigues schließlich ist die letzte Station vor der Rückkehr nach Deutschland. Dort begeben sich die Reisenden auf die Suche nach einer Frau. Der Frau, bei der Grizzly vielleicht seine Unschuld verloren hat, einer zehn Jahre älteren, recht verführerischen Blondine. Und man merkt, dass die Suche nach Fakten und Personen gar nicht so wichtig ist, denn Nicol glaubt seinem Vater längst seine Geschichten und er beginnt ihn nun, mit all seinen Eigenheiten, zu verstehen. „Heimatroman“ ist ein stilles Buch, geschrieben im Stil einer Reisereportage. Und es ist gerade dann, wenn der Autor bloßer Beobachter bleibt ein sehr hübsches und melancholisches Buch. Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich als „Deutscher“ bezeichnet und seines Sohnes, der wenngleich er viel besser Bescheid weiß über die Kultur und die Sprache dieses Landes als der Grizzly, seine Identität noch sucht und, so scheint es am Ende, auch ein stückweit findet. Nicol Ljubić beschreibt das oft schwierige Verhältnis von Söhnen zu ihren Vätern und wie diese zueinander finden können, ohne das über einander geredet werden muss. Die Geschichte über die Reise ist eine Liebeserklärung an die Familie, an Europa und besonders an Deutschland mit seinen Tugenden, den Doppelhaushälften und dem akkurat gestutzten Rasen. Steht im Bücherregal zwischen: Deutschlandreise von Axel Hacke und Ach Europa! von Hans Magnus Enzensberger. Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde von Nicol Ljubic, 240 Seiten, 17,90 Euro. Erschienen bei dva.

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