Homer Simpson, mit den Augen eines Aristoteles-Marxisten gesehen

Angestrichen: Da Die Simpsons nun mal auf keiner Vision einer besseren Welt beruht, fügt die Serie lediglich ein paar einzelne komische Momente zusammen, die in ihrer Gesamtheit keinen durchgängigen politischen Standpunkt ergeben, schon gar nicht einen subversiven.
matthias-kolb

Angestrichen: Da Die Simpsons nun mal auf keiner Vision einer besseren Welt beruht, fügt die Serie lediglich ein paar einzelne komische Momente zusammen, die in ihrer Gesamtheit keinen durchgängigen politischen Standpunkt ergeben, schon gar nicht einen subversiven. Wo steht das denn? In dem Essay „Ein Marxist in Springfield (Karl, nicht Groucho)“ von James M. Wallace, dem klügsten der elf Beiträge des Sammelbands „Die Simpsons und die Philosophie“. Die Herausgeber wollen am Beispiel der Bewohner von Springfield traditionelle Themen der Philosophie so beschreiben, dass sie auch Leser außerhalb der Unis erreichen. Das gelingt oft und selbst wer meint, alle Simpsons-Episoden zu kennen, wird hier neue Zusammenhänge und Gedanken finden. Die Autoren sind studierte Philosophen und zugleich glühende Fans von Homer, Bart und Co., was sie jedoch nicht von kritischen Überlegungen abhält.

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Illustration: Julia Schubert

Homer Simpson, hier mit der Simpsons-Figur des Moderators Jay Leno. Foto: rtr Raja Halwani denkt mit Aristoteles darüber nach, ob es am Faulpelz Homer etwas gibt, das man im moralischen Sinne bewundern könne. Dazu skizziert er Aristoteles’ Überlegungen über Tugenden und Charakter und zeigt anhand von Zitaten und Dialogen, dass Homer kein Vorbild sein kann. Bewundernswert ist jedoch Homers „ach so berauschende Lebenslust“, seine Gier nach Essen und Duff-Bier – getreu dem Motto „Auf den Alkohol! Den Ursprung und die Lösung sämtlicher Lebensprobleme!“ Doch leider ist Homers Lebenslust nicht vom Verstand gesteuert und deshalb moralisch gefährlich. Fazit: „Einen bewundernswerten Charakterzug zu besitzen, heißt noch nicht, dass auch dessen Besitzer bewundernswert ist.“ Mark T. Conard zeigt, dass sich Barts fehlende Moral („Ich esse nicht viel und kenn den Unterschied nicht zwischen Recht und Unrecht.“) nicht mit Nietzsches Ideen erklären lässt: Seine Identität hat nichts Schöpferisches, sondern stützt sich nur auf Rebellion gegen Autorität. Ein weiterer Aufsatz erklärt die Moralvorstellungen von Immanuel Kant und zeigt am Beispiel von Lisa, dass Moral nur dann einen Wert hat, wenn sie „von innen“ kommt und man bereit ist, die Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Wir sehen: Ethik ist keine einfache Sache und der Sammelband, bereits 2001 in den USA erschienen und nun zum Filmstart übersetzt, keine leichte Kost. Die Texte sind wissenschaftlich aufgebaut, es gibt Fußnoten und wer sich aus der Schule noch an den kategorischen Im-perativ erinnert, ist im Vorteil. Am besten sind die Essays, die den Kosmos Springfield unter die Lupe nehmen und nicht nur Figuren analysieren. Hier wird deutlich, weshalb die Serie so gut funktioniert: durch die ständige Wiederholung, die popkulturellen Zitate oder den provokativen Bruch mit Erwartungen. Jason Holt beschreibt das Phänomen der Heuchelei in der Kleinstadt und James M. Wallace fragt, ob Die Simpsons wirklich so kritisch und subversiv sind, wie in den Feuilletons immer behauptet. Aus marxistischer Sicht müsste man sich freuen, dass die Serie Heuchelei, Angeberei, exzessiven Kommerz und unnötige Gewalt kritisiert. Doch Wallace zeigt, dass die Macher keine klare Stellung beziehen. Alle werden verspottet: Korrupte Politiker und Akademiker ebenso wie Homosexuelle, Frauen, Einwanderer oder Übergewichtige. Auch Arbeiter kommen nicht gut weg: Gewerkschaftler sind stets faul und bei Streiks steht auf ihren Plakaten schlicht „Mehr, mehr, mehr“ oder „Sagt es raus in alle Welt, die Lehrer brauchen einfach mehr Geld“. Die Schlussfolgerung des Sozialisten: „Am Ende bedient die Serie die Interessen jener Klas-se, die die wirtschaftliche Macht über die Massen innehat, ihnen T-Shirts, Schlüsselketten, Essensdosen und Videospiele verteilt.“ Da sich das Leben in Springfield nicht verbessere, ist das Lachen „kein Katalysator der Veränderung“, sondern lediglich „Opium fürs Volk“. Der Sammelband ist zwar nicht so perfekt aufgebaut wie eine 23-minütige Simpsons-Episode, doch während der Lektüre lacht man oft, ärgert sich selten und ist nie enttäuscht. Hoffentlich lässt sich das auch über den Kinofilm sagen, der am Donnerstag in Deutschland anläuft. Steht im Bücherregal zwischen: Zwischen der Einführung „Die philosophische Hintertreppe“ von Wilhelm Weischedel und dem großartigen Reader „Subversion zur Prime-Time. Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft“ von Michael Gruteser, Thomas Klein und Andreas Rauscher. Im jetzt.de-Warenkorb liegt natürlich auch die Simpsons-Kinokarte - hier nachlesen, warum!

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