Hypnotisiert vom Netz

Facebook macht nach dem gleichen Prinzip süchtig wie ein Spielomat, sagt ein amerikanischer Autor. Wenn wir stundenlang Timelines abscrollen, stecken wir in der "Machine Zone".
mercedes-lauenstein

Angestrichen:

„What is the machine zone? It's a rhythm. It's a response to a fine-tuned feedback loop. It's a powerful space-time distortion. You hit a button. Something happens. You hit it again. Something similar, but not exactly the same happens. Maybe you win, maybe you don't. Repeat. Repeat. Repeat. Repeat. Repeat. It's the pleasure of the repeat, the security of the loop."

Wo steht das? In einem von Alexis C. Madrigal geschriebenen Artikel namens „The Machine Zone: This is where you go when you just can't stop looking at pictures on Facebook" auf der Website des Atlantic.

Und worum geht's? Um das, was geschieht, wenn man nur mal kurz aufs Klo gehen wollte oder zum Einschlafen nachsehen, was so auf Twitter los ist - und dann feststellt, dass man gerade eine Dreiviertelstunde damit verbracht hat, den Daumen über die Oberfläche des Telefons und durch die unendlichen Feeds von Twitter, Instagram oder Tumblr sausen zu lassen. Auf vielen Plattformen muss man nicht einmal mehr auf "Weiter" klicken. Man glotzt dem sich immer und immer wieder aufs Neue ins Unendliche erweiternden Feed hinterher wie ein armer Comic-Held dem Pendel des Feindes. Das eigene Zeit-Raum-Empfinden verblasst und dann geschieht es: Man tritt in die "Machine Zone" ein.

Der Begriff der „Machine Zone" stammt von der Anthropologin Natasha Schüll, die in Las Vegas über einen längeren Zeitraum hinweg Menschen vor Spielautomaten beobachtete, interviewte und dann feststellte, dass die meisten Menschen überhaupt nicht spielten, weil sie wirklich darauf hofften, zu gewinnen. Vielmehr schien es ihnen um den Zustand zu gehen, in den sie dabei gerieten: Eine selbstvergessene Ruhe, hypnosegleich, in der alles Andere plötzlich unwichtig wurde. Das Wetter, Sorgen, die Menschen außen herum - alles egal. In dieser sich ewig wiederholenden Schleife wähnten sie sich aufgehoben.

 

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Illustration: Julia Schubert



Wer sich im Internet verliert, schlussfolgert Madrigal, der handelt und empfindet ganz genau wie ein Spielsüchtiger. Bereits nach wenigen Sekunden ginge es ihm nicht mehr darum, ein Ziel zu verfolgen (Nachrichten schreiben, Poetisches twittern, Artikel lesen) sondern darum, nur noch einmal den load-more-Punkt zu erreichen und nur noch einmal ein Foto weiter zu klicken. Und noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Die „Machine Zone" als eine Art Pseudoflow, der einem im Gegenteil zum wirklichen Flow nicht mit dem sinnstiftenden Gefühl belohnt, in der verflogenen Zeit etwas Produktives getan zu haben, sondern der einen mit einem Gefühl der Leere zurücklässt.

Madrigal betont, in seinem Text keine totale Kritik am Internet üben zu wollen. Interessanten Links zu folgen, sich an neuen Gedanken zu ergötzen, Zeitung zu lesen, Tweets zu formulieren, mit Freunden zu chatten oder bei Asos einzukaufen, all das sind für ihn sinnstiftende virtuelle Tätigkeiten. Die "Machine Zone" beginne erst dort, wo jedes aktive Verhalten aussetze. Wo das Scrollen nur noch um des Scrollens willen geschehe.

Seine Kritik richtet sich gegen die Designs der Benutzeroberflächen sozialer Netzwerke, Blogs oder Nachrichtenplattformen. Es herrsche die Annahme, dass je länger jemand auf einer Seite bliebe, desto besser gefiele sie ihm. Und deshalb werde vor allem daran gearbeitet, es den Menschen noch einfacher zu machen, sich auf der Seite zu verlieren. Nur: Die Plattformen könnten sich damit auf Dauer selbst eine Falle stellen. Denn der ursprünglich gute Gedanke, Menschen zu verbinden sei mittlerweile zu einem risikobehafteten, irgendwie unangenehmen Unterfangen geworden, das vielen Menschen Beklemmungen und Frustration verschafft. Es gehöre ja sowieso schon zum guten Ton, Facebook zu belächeln und das sinnlose Hängenbleiben im Feedscrollen zu bejammern.

„Things could be different", schreibt Madrigal. Und schlägt vor, die Betreiber von Facebook könnten doch einfach nach jedem 100. Foto ein Bild einblenden lassen, auf dem steht: „Wieso schreibst du nicht lieber einem Freund oder einem Familienangehörigen eine Nachricht?" So könnten sie die Menschen auf der Seite behalten, aber sie vor der Nach-Klick-Depression bewahren. Es sei doch eigentlich ganz einfach: „In the great tradition of the Valley, we'll make a t-shirt: Just Say No To The Machine Zone."

Text: mercedes-lauenstein - Bild: dpa

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