Ich bin froh über 6800 Euro im Jahr

Europa im Ungleichgewicht: Eine Umfrage, bei der mehr als 300.000 Studenten aus 24 Ländern teilgenommen haben, spiegelt die Nachrichtenlage und erzeugt Kopfschütteln.
yvonne-gamringer

Angestrichen: Polnische Studenten der Betriebswirtschaftslehre sind bescheiden. Für ihr erstes Berufsjahr erwarten sie ein Gehalt von höchstens 9385 Euro.

Wo steht denn das?

In der FAZ.

Und warum?

Das Forschungsinstitut "trendence" aus Berlin verdient sein Geld mit Umfragen. Das ganze Jahr über werden Studenten und Absolventen nach Wünschen und Plänen und Lieblingsarbeitgebern befragt. Die Ergebnisse schauen sich Personalchefs oder Hochschulchefs an, die sich bei der Lektüre ein bisschen Übersicht erhoffen. Im Rahmen der aktuellen Erhebung wurden 310.000 Studenten der BWL, der Informatik und der Ingenieurwissenschaften aus 24 Ländern "nach Wunscharbeitgebern und Karriereplänen" befragt. Die FAZ ist Kooperationspartner von trendence und deswegen haben die auch die Zahlen der Studie als Erste veröffentlicht. 

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Illustration: Julia Schubert
Und was lernen wir aus der Studie? Die meisten Bildungsstudien, die man das Jahr über so zu Gesicht bekommt, sind recht fade, weil sich in ihnen nur graduelle Änderungen in bestimmten Punkten widerspiegeln. Da gehen ein paar Studierende in Deutschland weniger ins Ausland oder ein paar Leute finden ein bisschen schneller neue Arbeit. Diese trendence-Sache lässt einen aufhorchen, weil sie den Leser höher hebt. Er kann auf einmal die Situation in ganz Studieneuropa anschauen. Drei Dinge lernt er: 

1. Europa ist noch sehr sehr sehr weit auseinander Ja, schon klar, das ist eine Plattitüde. Interessant ist es trotzdem: Für die Studie wurden die Studierenden gefragt, welches Jahresgehalt sie sich so im ersten Job erwarten. In der Schweiz möchte ein BWL-Student im Schnitt 56.000 Euro pro Jahr auf seinem Konto sehen. In Bulgarien werden im Schnitt 6900 Euro erwartet, in Rumänien 8800. In Deutschland wünschen sich Betriebswirtschaftler 43.100 Euro als Gehalt im ersten Jahr. Was heißt das nun? Dass ganz viele Akademiker aus den osteuropäischen Ländern kommen? Seit dem 1. Mai 2011 immerhin dürfen Arbeiter aus acht osteuropäischen Ländern, darunter Polen oder Ungarn, nach Deutschland kommen und sich Arbeit suchen. In einigen Jahren gilt auch für die Menschen aus Bulgarien oder Rumänien diese sogenannte "Arbeitnehmerfreizügigkeit". Ob nun tatsächlich so etwas wie ein neuerlicher "Brain Drain" Richtung Westeuropa stattfindet, muss man abwarten. Grund genug aber, das zeigen die Zahlen, gibt es.

 

2. Die Nachrichten spiegeln sich in der Stimmung der Studenten Seitenlang wird in den Zeitungen beschrieben, wie sich in Spanien gerade eine Revolution die Bahn bricht. Oder zumindest werden sehr ausdauernd alle Anzeichen dafür beschrieben: Es gibt Demonstrationen, neue Websites und auf Twitter geht es rund. Der Grund ist, dass junge Menschen in Spanien gerade ernsthaft um ihr Leben nach der Ausbildung oder nach dem Studium sorgen. Bei jungen Erwachsenen bis zum Alter von 25 Jahren liegt die Arbeitslosenquote gerade bei mehr als 44 Prozent. Die Studie von trendence ist dabei nur ein Beleg. Die Umfrager wollten von den Studierenden wissen, wer sich Sorgen um seine Karriere mache. Mit Abstand die tiefsten Falten haben demnach die Griechen in der Stirn, wo sich 99 Prozent der Studierenden Sorgen machen. Gleich danach folgen die Spanier, wo sich 84 Prozent der BWLer um ihre Zukunft sorgen. Den Deutschen scheint es vergleichsweise gut zu gehen. Nur 37 Prozent der Wirtschaftsstudierenden haben Bedenken, wenn sie an ihre berufliche Zukunft denken.

 

3. Alle wollen beim Internet arbeiten Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass man immer gerne bei Firmen arbeitet, die mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben. Jedenfalls würden die versammelten Ingenieure und Informatiker aus ganz Europa am liebsten bei Google, Microsoft, IBM oder Apple arbeiten. Die Firmen belegen im Beliebtheitsindex die vorderen Plätze. Und auch bei den BWLern spielt das Web noch eine gute Rolle. Mit Google, Apple und Microsoft landen immerhin drei Hard- oder Softwaremacher unter den ersten zehn der beliebtesten Arbeitgeber.

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