Ich bin voller Hass. Das Buch zum Amoklauf

Zum zehnten Jahrestag des Massakers von Columbine erscheint nun ein Dokumentarroman mit Originalauszügen aus Ermittlungsakten, Zeugeninterviews und Tagebucheinträgen der Täter.
alice-peterhaensel

Angestrichen: Gegen die, von denen sie sich ausgegrenzt fühlen, Mitschüler, Lehrer, können sie sich nur in der Fiktion wehren. Da rächen sie sich grausam und blutig. Aber tatsächlich verstecken sie sich hinter ihrer sorgsam abgeschotteten Innenwelt. Und dort werden die Fantasien immer übermächtiger, der Druck immer größer, bis ihnen der gewaltsame Ausbruch in die Wirklichkeit als die einzige, visionäre Lösung erscheint. Wo steht das denn? Am 20. April jährt sich das Massaker von Columbine zum zehnten Mal. Die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold erschossen dabei 13 Menschen und verwundeten weitere 21. Joachim Gaertner trägt in seinem Dokumentarroman „Ich bin voller Hass – und das liebe ich“ jetzt aus 25.000 Seiten Ermittlungsakten zu dem Amoklauf an der Highschool die Geschichte der Täter und den Tathergang zusammen. Tagebücher, Interneteinträge, Verhörprotokolle und Aussagen von Beteiligten offenbaren die präzise, kaltblütige Planung der Tat, sowie die Gewalt- und Zerstörungsfantasien der jungen Täter. In 15 Kapiteln wird jene Dramaturgie nachgebaut, die von den Tätern damals bis ins kleinste Detail in literarischen Szenen, Tagebüchern, auf Internetseiten und in Videos vorbereitet war, bis sie schließlich bittere Realität wurde. So enthält eine Datei von Eric Harris im passwortgeschützten Schülerbereich auf dem Schulserver folgenden Inhalt: „Ich würde euch Scheißköpfe gerne alle sterben sehen. Natural Born Killers! Ich liebe es. Irgendwann im April werden ich und Vodka Rache nehmen und die natürliche Selektion ein bisschen beschleunigen. Wir werden ganz schwarz angezogen sein. (...)“ Auch die Zeichnungen von Harris und Klebold demonstrieren die Gewaltfantasien.

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In einem selbstgedrehten Video, das kurz vor der Tat entstand, formulieren beide ihr Testament und verabschieden sich von ihren Angehörigen: Eric: „Sag’s jetzt!“ Dylan: „Hey Mama. Ich muss gehen. Es ist eine halbe Stunde vor unserem jüngsten Gericht. Ich wollte mich nur bei euch entschuldigen für den Mist, den das für euch bedeuten wird. Weiß nur, dass ich an einen besseren Ort gehe. Ich mochte das Leben nicht besonders, und ich weiß, dass ich glücklich sein werde, wo zum Teufel ich auch hingehe. Also, ich bin weg. Auf Wiedersehen.“ (...) Dylan: „Wir haben getan, was wir tun mussten.“ (Basement Tapes, Beweisstück Nr. 333, 20.4.1999) Ab dem 15. Kapitel wechseln sich Mitschnitte aus einem Telefonat der Notrufzentrale mit einer Lehrerin namens Patti ab, mit Texten von beschriebenen Blättern, die nach den Anschlägen in der Schule gefunden wurden. Patti: „Ja. Ich kann das nicht glauben...Er hat...immer noch Munition. Er schießt einfach und schießt und schießt.“ Notrufzentrale: „Halten Sie alle auf dem Boden.“ Pattie: „Ja. Ja. Jeder ist, uh (Pause) Alle bleiben auf dem Boden! Bleibt auf dem Boden! Bleibt unter den Tischen!! Uhm... ich ... Ich weiß nicht. Ich (Pause)" (Notruftonband) Joachim Gaertner, der Autor dieser Sammlung, studierte Literaturwissenschaften und produzierte Filme für ARD, arte und 3sat unter anderem über Straßengangs in Los Angeles, die CIA und die Todesstrafe in den USA.

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Illustration: Julia Schubert

"Ich bin voller Hass - und das liebe ich" ist im Verlag Eichborn Berlin erschienen und kostet 16,95 Euro

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