"Ich habe euch bewusst gereizt"

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Einen großen Teil der Jugend verbringen wir in der Schule oder in Gedanken an die Schule. Deswegen darf man es neuen und alten Freunden nicht übel nehmen, wenn sie selbst Jahre später in Gesprächen Anekdoten vorkramen, in denen Deutsch- oder Biologielehrer eine meist lächerliche Rolle spielen. Dass diese Geschichten nur gediegen interessant sind, ist die eine Sache. (Häufig kennt man ganz einfach die Lehrer nicht aus eigener Anschauung.) Auffallend ist eher, wie nachhaltig uns bestimmte Lehrerfiguren beeindruckt haben. Gerade die strengen Exemplare kleben ausdauernd in unseren Gedanken. Christian Schmidt hatte in seiner Schulzeit in der Schweiz auch solch einen Lehrer, der ihm selbst dreißig Jahre nach dem Abschluss noch in verstörender Erinnerung ist. Herr Dr. Blass polarisierte, schreibt Schmidt in einem dringend lesenswerten Text, der vor einigen Tagen im Magazin des Züricher Tages-Anzeigers erschien und hier in seiner erheblichen aber gerechtfertigten Länge nachgelesen werden kann. Schmidt traf in einem Zug eine einstige Mitschülerin und die beiden tauschten Erinnerungen. Schnell langten sie bei Blass an. Sie erinnerten sich an den Hass und auch die Zuneigung, die sie dem Mann einst entgegenbrachten. Bevor die Mitschülerin aus dem Zug stieg, erzählte sie noch das Gerücht, nach dem eine der folgenden Klassen den Lehrer voll Wut in einen Abfallcontainer gesteckt habe. Christian Schmidt blieb allein im Zug mit dieser Anekdote und war durcheinander. „Eine solche Erniedrigung darf man niemandem zufügen; davon gibt es keine Heilung“, dachte er. Irgendwann fasste er den Entschluss, seinen verhassten Lehrer anzurufen und um ein Interview zu fragen, in dem er der Frage nachgehen wollte, wie es sein könne, dass er für die Ehemaligen so lange ein Thema bleibe? Die einen, fand Schmidt heraus, fanden die Stunden des Pädagogen lehrreich und „unvergesslich“, die anderen sahen in dem Mann den „Inbegriff eines Napoleons“, der seine Schüler bisweilen mit Faustschlägen auf den Oberarm antrieb. Schmidt traf Blass und das Gespräch ist ein Dokument der Rechtfertigung. Schmidt prangert die Angst an, die Blass verbreitete. Die beiden sprechen über den Sinn von Strafarbeiten und Verzweiflung als didaktische Methode. Der Lehrer skizziert, wie sehr er sich als Kapitän verstand, der seine Schüler zum Abschluss führen musste, der dafür sorgen wollte, dass alle an Bord bleiben. Strenge hält er dabei immer noch für unabdingbar. Zu den wichtigen Erfahrungen im Leben gehört aber, dass jemand sagt: „So nicht“, sagt er. An anderer Stelle: Ich habe euch manchmal bewusst mit einem extremen Standpunkt gereizt, damit es etwas zu diskutieren gab. Und weiter: Wie viele trauen sich, neben Fachwissen auch noch eine eigene Haltung zu vertreten, die bei den Schülern vielleicht nicht gut ankommt, aber letztlich einem größeren Ziel dient? Auch wenn das Interview am Ende eine durchaus versöhnliche Note bekommt, der Nachgang zum Gespräch beweist, dass das Verhältnis des Schülers Schmidt zu seinem Lehrer Blass noch heute so ist wie damals (genaueres dazu ist im Artikel nachzulesen). Blass wird seinen Platz als eine der prägenden Figuren in Schmidts Leben behalten. Vielleicht sieht der Schüler seinen Lehrer heute differenzierter, weil er Jahre nach Ende der Schulzeit dargelegt bekommen hat, was einzelne Strafen zu bedeuten hatten und in welcher Absicht schlechte Noten vergeben wurden. Das Interview ist deshalb ein Blick in den Handwerkskasten eines bestimmten Pädagogentyps. Vielleicht darf man den Text aber auch als einen Versuch über die Disziplin verstehen. Wieviel Disziplinierung (oder Gängelung) dürfen Lehrer nutzen, um aus ihren Schülern gute Menschen zu machen? Was bleibt, ist die Gewissheit, dass uns Schule mehr prägt, als wir es uns vielleicht eingestehen wollen; dass jedes Geld, das in die Ausbildung toller Lehrer gesteckt wird, richtig angelegt ist. Gerade weil sie solch großen Einfluss auf unser Großwerden haben. Klingt wie eine Binsenweisheit. Muss man sich aber hin und wieder mal klar machen. Nach der Lektüre des Textes von Christian Schmidt zum Beispiel.

Text: peter-wagner - Foto: ap

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