Im besten Alter

29 ist das perfekte Alter, schreibt eine Autorin im Guardian. Weil man endlich aufhört, alles in Zweifel zu ziehen und gleichzeitig noch viel gute Zeit vor einem liegt. Aber muss man dafür 29 werden? Ein Textmarker über die Magie einer einzelnen Zahl.
mercedes-lauenstein

Angestrichen: „I believed my teens and 20s were supposed to be my best years and I wasted a lot of energy panicking and running around to ensure that even though I was having a miserable time, it looked fun in the photos. I wish I’d known that ageing would bring me nothing but joy and perspective, and that my 20s wouldn’t get really good until the very end of the decade.“

Wo steht das?
In einem Text namens „Is 29 the perfect age?“ der Kolumnistin Daisy Buchanan auf der Website der britischen Zeitung The Guardian.

Was steht da?
Der Anlass von Buchanans Text ist die Studie einer britischen Lebensmittelfirma namens „Genius Gluten Free“, in der es zwar eigentlich noch mal um etwas ganz anderes ging, die aber nebenbei durch Umfragen unter etwa 1500 Briten herausgefunden haben will, dass Menschen im Alter von 29 Jahren angeblich mehr Freunde haben, als in jedem anderen Lebensalter.

Die selbst gerade 29 Jahre alt gewordene Autorin Buchanan sagt jetzt: Studie hin oder her, aber es kann schon was dran sein, dass 29 das beste Alter ist. Ob ich wirklich rein zahlenmäßig gerade mehr Freunde habe als je zuvor, keine Ahnung. Aber bessere Freundschaften habe ich heute auf jeden Fall.

Denn nach all den Irrungen und Wirrungen der Zwanziger sei Buchanan jetzt endlich selbstsicher und entspannt genug, gebührend für andere da zu sein und auch selbst zu wissen, wer und was ihr wirklich gut tue. Was dann folgt, ist eine ziemlich tolle Hymne aufs Erwachsenwerden. Buchanan schreibt darin so viele schöne und rührende Sätze, dass man sie sich am liebsten alle anstreichen und ausschneiden und über den Schreibtisch hängen will.

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Illustration: Julia Schubert

Das perfekte Alter?

Sie erzählt davon, wie sie sich immer wieder in dem, was sie für Freundschaft hielt, täuschte, wie die späten Jugendjahre und die frühen Zwanziger überhaupt eine furchtbare Zeit für Freundschaften und auch für alles andere seien. Man wisse nie, ob man so okay ist, wie man ist, und ob das, was man ansteuert, richtig für einen ist. In keinem Job traue einem wirklich schon jemand etwas zu, allenfalls fiele man auch hier nur durch seinen blinden Enthusiasmus auf. Sie schreibt von dem Gefühl, dass es einem mit 26 ganz und gar unvorstellbar erscheint, je einen Job zu kriegen, den man mag oder eine Beziehung zu führen, in der man sich wirklich wohlfühlt. Gleichzeitig bliebe man damit hinter der Erwartung zurück, angeblich gerade „die beste Zeit seines Lebens“ zu haben.

Heute, mit 29, glaubt Buchanan zwar nicht, dass sie unbedingt interessanter oder toller ist als vorher, auch nicht attraktiver oder besonders viel weiser, aber sie ist in jedem Fall ein angenehmerer Mensch geworden - eine bessere Freundin. Sie habe jetzt kapiert, dass Freundlichkeit und Verständnis im Zweifel mehr wiegen als aufgeregt rausposaunte Coolness. Und dass fünf richtig gute Freunde für alle Gefühlslagen besser sind als 50 Partyidioten im Adressbuch.

Oder, um noch einmal mit ihren eigenen Worten zu sprechen:  „It isn’t until you’re 29 that you realise your mum was right all along. You’ll never be popular until you genuinely stop caring about being popular.“

Und was lernen wir daraus?

Dass wir uns, wenn es zwischen 15 und 30 mal wieder so richtig scheiße ist, obwohl doch alles so toll sein sollte - wegen unwiederbringlicher Jugend und so - zurücklehnen sollten und uns denken: Na und? Alles gar nicht so schlimm. Oder: DOCH! Alles SEHR schlimm! Aber zum Glück ja total normal! Das geht vorbei! Und vor allem: Das Beste kommt erst noch!

Viel zu oft ist ja der Gedanke ans Älterwerden ausschließlich mit der Angst vor verpassten Chancen belegt. Großeltern, Eltern, Bekannte sagen einem: So jung bist du nie wieder, so schön wirst du nie wieder, genieß es bloß, bevor es vorbei ist! All diese Sätze sollen einen ermutigen und bewirken doch oft das Gegenteil. Sie machen Druck. Sie machen Angst. Und sie verschweigen, dass auch nach den Zwanzigern noch sehr viel Großartiges kommen kann. 

Dabei so ausschließlich die Zahl 29 zu beschwören, wie Buchanan es tut, ist natürlich Quatsch. Es können einem diese ersten Erkenntnisse über das Glück des Erwachsenwerdens auch früher schon kommen, oder erst einige Jahre später. Aber die Zahl 29 verkörpert schon ganz gut, aus welchen Elementen diese erste Freude über das Erwachsenwerden besteht: Man ist ja wirklich immer noch jung, während man beginnt, über die Jugend wie über etwas weit Zurückliegendes zu reflektieren. Man hat ja trotzdem noch eine Zwei im Gesicht und noch keine Drei. Man hat noch keinen weißen Bart, aber dennoch schon die ersten Tropfen des Weisheitselixiers des Alters kosten dürfen und man weiß: Es liegen jetzt noch einige Jahre vor mir, in denen ich immer noch keinen weißen Bart haben werde und in denen ich noch beides darf: Jung und wild und schön sein, aber innerlich schon ruhig, gefestigt und genügsam.

Text: mercedes-lauenstein - Bild: photocase.com / no lookism

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