In Sehnsucht eingehüllt

Angestrichen: Ich bin die Nacht.
kathrin-ruther

Angestrichen: Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind viel weicher als der weiße Tod. Ich nehme jedes heiße Weh mit in mein kühles, schwarzes Boot. Wo steht das denn? Im Gedicht „Ich bin die Nacht“ von Selma Meerbaum-Eisinger. Es ist eins von zwölf Gedichten, die auf der CD „Selma - In Sehnsucht eingehüllt“ interpretiert werden. Das Orchester „World Quintet“ hat dafür zwölf Musiker um sich gescharrt, zum Beispiel Hartmut Engler von Pur, Stefanie Kloß von Silbermond oder Xavier Naidoo. Und um es gleich vorweg zu sagen: Nicht jede Strophe auf der CD klingt rhythmisch. Das liegt weniger an den Gedichten selbst, als an den Interpreten: Es ist schwer, Gedichte, die vor über 60 Jahre in einem fremden Kontext geschrieben wurden, in den Takt unserer Zeit zu bringen. Und wenn Reinhard Mey mit Onkelstimme „Alles ist eingehüllt in weiche Luft, / die still ist, so als ob sie einem Märchen lausche. / Und alle Vögel horchen wie im Rausche - / man hört nur Duft“ singt, dann muss man schnell einen Track weiter klicken, damit einen die „Über die Wolken“- Schmalzwelle nicht nachträglich noch überrollt.

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Illustration: Julia Schubert

Doch die ursprünglichen Verse sind durchweg so schön, so traurig, so liebevoll, dass sie einem die Kehle zuschnüren. Vor allem, wenn man Selmas Biografie beim Zuhören im Hinterkopf hat: Im August 1924 wurde Selma Meerbaum-Eisinger in Czernowitz, heutige Ukraine, geboren, ihr Vater war Kaufmann. Die Lyrikerin Rose Ausländer ist auch dort geboren worden, auch ihr Vater war Kaufmann. Rose Ausländer überlebte den Holocaust. 55 000 Czernowitzer Juden und Selma jedoch nicht: Die 18-Jährige starb im Dezember 1942 im deutschen Arbeitslager Michailowka. Ein Jahr zuvor musste Selma mit ihrer Familie in das Ghetto der Stadt ziehen, wo sie an Weihnachten das Gedicht „Stefan Zweig“ schrieb, das Thomas D zu einer plätschernden, perlenden Melodie spricht: „Leuchtendes, glühendes, rauschendes Leben / springt an und reißt mit und lässt keinen mehr los, / macht heiß und macht freudig und groß (..)“. 57 Gedichte hat Selma insgesamt geschrieben, mit Füller auf lose, unlinierte Blätter. Mit einer Kordel zusammengebunden wanderte dieser Gedichtband „Blütenlese“ im Rucksack von Selmas Freundin Renée Abramovici, die aus Czernowitz fliehen konnte, nach Israel. Erst 1968 taucht Selmas Werk kurz wieder auf: Zwei ihrer Gedichte werde in der DDR veröffentlicht. Selmas ehemaliger Klassenlehrer las diese Gedicht, wandte sich an Renée und ließ den Gedichtband auf eigene Kosten drucken, weil er keinen Verleger fand. Danach galten die Gedichte als verschollen. Knapp zwanzig Jahre später nahm der Exilforscher Jürgen Serke Selmas Spur auf und veröffentlichte 1985 unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ ihren Gedichtband. Auf der Hör-CD finden sich zwölf der Gedichte wieder. Sie sind in dem jeweiligen Stil des Interpreten gestaltet, man hört bei Inga Humpe die elektronische 2Raumwohnung raus und bei Xavier Naidoo die ruhige „Wo willst du hin“-Stimmung. Yvonne Catterfeld und Sarah Connor klingen besser als sonst, fast gut. „Selma-In Sehnsucht eingehüllt“ ist eine schöne, musikalische Annäherung an Selmas Werk – wenn man auch manchmal einen Track weiter schalten muss. Steht im Bücherregal zwischen: „Bis an alle Sterne“, der ersten CD des Rilke Projekts, und dem Gedichtband „Regenwörter“ von Rose Ausländer.

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