Insekten sind die besseren Menschen

Der 1979 geborene Sascha Hommer veröffentlicht mit "Insekt" sein erstes Comicalbum. Unter dem Pseudonym Pascal D. Bohr hat er bereits Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. "Insekt" handelt, wie schon seinen Arbeiten für das von ihm herausgegebene Magazin "Orang", von Ausgrenzung und Gewalt unter Jugendlichen.
markus-koebnik

Angestrichen: Papa, gibt es wirklich Insekten draußen vor der Stadt? Das erzählt man den Kindern als Gruselgeschichte. In Wahrheit wissen die Menschen nicht einmal wie die Insekten aussehen, aber es gibt sie. In echt? Ja, die leben nicht weit von der Stadt. Kann ich die Insekten einmal sehen, Papa? Nun ja, wenn du willst. Kann Mama dich diese Woche dorthin mitnehmen!

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? In „Insekt“, dem ersten Comicalbum von Sascha Hommer. Der junge Pascal wächst in einer ziemlich verrauchten Stadt auf und findet es ganz normal, dass immer und überall schlechte Sicht herrscht. Daher trägt er meistens eine Taschenlampe bei sich. Pascal lebt ein typisches Teenagerleben, er zockt mit seinem Kumpel an der Spielkonsole und kann es gar nicht fassen, dass sich eine Mitschülerin für ihn interessiert, als er zum Klassensprecher gewählt wird. Aber sein Leben verändert sich, als er beim Spielen zufällig von einer Welt außerhalb der Stadt erfährt. Einen Ort, wo es angeblich keinen dichten Rauch gibt, wo freie Sicht herrscht und wo Insekten wohnen. Bei einem Ausflug mit seiner Mutter aufs Land, jenseits der Stadtgrenzen, bemerkt der kleine Pascal schon bald seltsame Veränderungen an seiner Mutter. Und als der Ausflug schließlich zu Pascals Tante und seinem Cousin führt – beide Bilderbuchinsekten - muss sich auch eingestehen, dass er einer von ihnen ist. Doch er findet es nicht schlimm, auch wenn er im Biounterricht ganz andere Sachen über diese fremde Art gehört hat. Er fühlt sich wohl. Zurück in der Stadt fliegt Pascals wahre Identität schnell auf. An einem geheimen, rauchfreien Ort, der eigentlich den Flirt zwischen ihm und einer Klassenkameradin beflügeln soll, folg auf ein geplantes Liebesgeständnis nur ein langer Schrei, den alle kennen, die schon einmal einen krabbelnden Käfer im Salat hatten: Das Mädchen ist weg und die ganze Klasse weiß am nächsten Tag Bescheid. Pascal wird zum Freiwild. Niedliche Comickinder mit großen Augen und feinen Gesichtern beleidigen und demütigen den Insektenjungen, der einige Tage zuvor noch einer von ihnen war. Pascal wird nach der Schule abgefangen, geschlagen und gefesselt. Am Ende wird auf ihn noch uriniert.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

So krasse Bilder wirken. Vor allem, weil die Figuren so unschuldig aussehen. Die Gewalt wird so um ein Vielfaches verstärkt und setzt sich beim Lesen fest. Doch genauso stark wie die jugendliche Gewalt erwächst auf den letzten Seiten des Comics auch Pascals kindliche Hoffnung und seine Zuversicht, dass eine bessere Welt möglich ist. Auch wenn er fortan außerhalb der Stadt lebt. Sascha Hommers klare und saubere Art seine Figuren aufs Blatt zu bringen, seine gut ausgesuchte Perspektivenwahl und die reduzierte Wortwahl machen "Insekt" zu einem Comic, das nachhallt. Eine klare Antwort auf die Jugendgewalt bringt Sascha Hommer bewusst nicht in sein Werk. Das überläst er allen, die „Insekt“ lesen. Auch wenn man die 128 Seiten schnell durch hat, handelt es ich keinesfalls ein „Fast-Food-Comic“, das man gleich wieder weglegt. Steht im Bücherregal zwischen: „Herr der Fliegen“ von William Golding und „Peanuts“ von Charles M. Schulz Insekt von Sascha Hommer, 128 Seiten schwarzweiß, erscheint bei Reprodukt und kostet 10,00 Euro. Cover: Reprodukt

  • teilen
  • schließen