Ist Sexismus weniger schlimm als Rassismus? "Die Antwort" von Alice Schwarzer

Angestrichen: Vergewaltigung, Folter und Frauenmord grassieren seit Jahrzehnten in Popkultur, Film und Werbe- beziehungsweise Modefotografie. Würden solche Fotos, Filme und Texte zum Beispiel mit Schwarzen inszeniert – also der augenrollende Neger mit dem Rhythmus im Blut, der gerne seinem Herrn dient und vom Ku-Klux-Klan ganz sexy aufgehängt oder von Glatzen dekorativ zusammengeschlagen wird –, dann kämen solche Bilder selbstverständlich gar nicht erst auf den Markt, sondern würden schon vorab als «rassistisch» indiziert, beziehungsweise sie wären nur illegal zu konsumieren. Aber in dem Fall sind es ja nur Frauen, und das hat bisher bestenfalls ein paar Feministinnen und Gleichgesinnte empört.
dirk-vongehlen

Wo steht das denn? In dem Buch Die Antwort von Alice Schwarzer, das in diesen Tage erscheint und aus dem Das Magazin aus der Schweiz vorab Auszüge veröffentlicht. Darin greift "Deutschland Chef-Emanze" (Stern) in zwölf Essays Prostitution und Pornografie an und drängt darauf, die noch junge Emanzipation der Frau nicht aus den Augen zu verlieren. "Schließlich ist alles sehr schnell gegangen, für manche zu schnell. Innerhalb von 50 Jahren - ein Wimpernschlag der Geschichte! - wurden 5000 Jahre verbrieftes Patriarchat gestürzt, zumindest auf dem Papier", erklärt die 64-Jährige.

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Illustration: Julia Schubert

Schwarzer kritisiert die wachsende Sexualisierung der Gesellschaft, die zu einer "Brutalisierung des sexuellen Begehrens" geführt habe, das "epidemische Ausmasse" erreicht hat. Sie kritisiert Sidos Arschficksong genauso wie die Dolce & Gabbana-Werbung einer angedeuteten Gruppenvergewaltigung. Es sei kein Zufall, dass in Zeiten der wachsenden Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die Pornografie Frauen herabwürdige: "Während die Frauen selbst zunehmend zum Subjekt ihres Lebens werden, macht der Blick der männerdominierten Kulturindustrie sie verstärkt zum Objekt", kritisiert Schwarzer und vergleicht die Frauenfeindlichkeit der Pornografie mit Rassimus und Schwulenhass. Letzteres - so Schwarzer - scheine "politisch unkorrekter zu sein als Frauenhass", dagegen wehre sich niemand. Deshalb kommt sie in ihrem Fazit zu dem Schluss: "Es gibt nur eine Antwort: Den Sexismus ernst nehmen. So ernst wie den Rassismus zum Beispiel. Wer das durchdekliniert – vom Theater und Museum über Mode und Werbung bis hin zur DVD und dem Internet –, der begreift, dass gehandelt werden muss."

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