"Jedes Praktikum ein Karrierekiller"

Ein Professor verdammt Praktika nach dem Studium. Ein Praktikumsführer nimmt künftige Praktikanten an die Hand.
peter-wagner
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Illustration: Julia Schubert

angestrichen: "Mit jedem Praktikum nach der Ausbildung signalisiert man, dass man keinen richtigen Job gefunden hat. Und wenn ich das dreimal gemacht habe, ist die Chance gleich null, dass ich einen richtigen Job kriege. Und zwar unabhängig davon, ob das Praktikum bezahlt ist oder nicht. Nach dem Studium ist jedes Praktikum der absolute Karrierekiller." Wer hat das gesagt? Christian Scholz, Professor für Organisations- und Personalmanagement an der Universität Saarbrücken. Wo steht das denn? Im "Jobguide Praktikum". Das Heft gibt einen prima Überblick über Praktikumsstellen in Deutschland und im Ausland. Die Redaktion hat in der eben erschienenen ersten Ausgabe die Angaben von 400 Unternehmen versammelt: Wen suchen die Arbeitgeber? Wieviel zahlen sie? Betreuen sie Diplomarbeiten? Das Zitat von Professor Scholz steht im ersten Teil des Hefts, unkommentiert, wie ein Widerhaken. Der Mann hat in den vergangenen Monaten immer wieder Interviews mit genau diesem Inhalt gegeben, unter anderem im November vergangenen Jahres. Sein Ansatz ist im Kern ehrenwert und lautet: Verschenkt Euch nicht! Verhandelt mit den Unternehmen über befristete Verträge! Wenn ein Unternehmer rational denke, so Scholz, müsse er auf solch einen Vorschlag eingehen. Fast im gleichen Atemzug muss er aber zugeben, dass Unternehmen mit Praktikanten einfach Kosten sparen. Er scheint selbst nicht schlüssig: Sind die Praktikanten die Deppen, die die Jobkiller annehmen? Sind die Unternehmer die Deppen, die sich langfristig um Personal mit einer gewissen Wissenssubstanz betrügen? Sind beide die Deppen? Also: So expertisch, kühl und klarsichtig der Satz aussieht, so diffus und nutzlos ist er. Gönnen wir Herrn Scholz ein Schulterzucken und kommen zum "Jobguide Praktikum". Der ändert zwar auch nichts an der Situation auf dem Arbeitsmarkt, müht sich aber wenigstens ganz pragmatisch um Hilfe und Durchblick. In einem der Texte ist gar von einem „War of Talents“ der Unternehmen die Rede, von einer Schlacht um die besten Nachwuchskräfte. Begründung: Weil in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu wenige Kinder geboren wurden, werden in absehbarer Zeit Fach- und Führungskräfte von morgen fehlen. So zumindest die schöne Prognose. Schon jetzt übernehmen angeblich Unternehmen wie BMW, Deutsche Bank oder Lufthansa die meisten ihrer Praktikanten. Jedoch steckt schon in dieser Aufzählung die Crux: Wohl und Wehe eines jeden Praktikanten entscheidet sich mit der Wahl der Branche, in der er arbeiten will. Heißt: Kein Praktikum ist wie das andere, über einen Kamm scheren geht nicht und das weiß in seinem Inneren sicher auch Professor Scholz. Branchenunterschiede beweisen sich spätestens bei der Höhe der Beträge, die Praktikanten für ihre Dienste bekommen, wie der Jobguide aufklärt: Während Versorgungsunternehmen oder Maschinenbauunternehmen zwischen 600 und 700 Euro im Monat an Ihre Praktikanten abtreten, überweisen Unternehmen aus dem Medienbereich im Schnitt 380 Euro. Das Heft birgt außerdem Protokolle von ehemaligen Praktikanten, die von ihrer Zeit bei SAP oder im Touristenbüro in Santiago de Chile berichten, vergleicht kritisch Praktikumsbörsen im Netz, gibt Buchtipps und serviert einen Test in Sachen Studien- und Berufswahl. So müßig das Thema ist, der Jobguide ist hilfreich. Im Gegensatz zu manchem Expertenzitat. Jobguide PRAKTIKUM, Ausgabe 2006/07, 5.90 Euro, erhältlich im Bahnhofsbuchhandel.

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