Klick und krass

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Angestrichen:
„In any case, the conventions of jihadists’ hardcore film productions unmistakably resemble those of porn. And just as porn has evolved over time, so too has the jihadist propaganda video.“  

Wo steht das?
Auf der Website des „Atlantic“. Dort schreibt der Autor Simon Cottee über die ähnliche Machart von Pornos und den Gräuelvideos des Islamischen Staat.   

Was genau steht da?
Cottee bezieht sich zunächst auf ein Buch aus dem Jahre 2008: „Blood and Rage: A Cultural History of Terrorism“ von Michael Burleigh. Burleigh behauptet darin, Terror-Videos und Pornofilme hätten eine ähnliche Struktur – in beiden gehe es vor allem um den sogenannten „Money Shot“, also die provokanteste, einprägsamste oder öffentlichkeitswirksamste Sequenz. Das ist im Falle des Pornos der „Cum Shot“ (der Moment, in dem der Mann ejakuliert), im Falle des Terror-Videos zum Beispiel der Moment, in dem der Attentäter sich in die Luft sprengt. Aus aktuellem Anlass nimmt sich Cottee dieser These noch einmal an und analysiert die kursierenden Videos des IS.  

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Illustration: Julia Schubert



Die Enthauptungsvideos des IS, so Cottee, hätten durchaus „pornografische Qualität“: direkt, obszön, willkürlich und nach nur einem Mausklick sofort verfügbar. Aber vor allem glaubt er, dass sich die Terrorvideos in die gleichen Kategorien einteilen lassen wie Mainstream-Pornoproduktionen: „Features“ und „Gonzo“. Features sind Sexfilme, die sich an einer gewöhnlichen filmischen Erzählung orientieren. Wir sehen darin nicht nur Menschen, die Sex haben, sondern der Film erklärt uns auch, warum sie Sex haben. In einer Gonzo-Produktion fällt diese Erklärung weg. Wir sehen Sex. Direkt, ohne Umschweife. Und, ähnlich wie im Genre des Gonzo-Journalismus, kann es vorkommen, dass der Kameramann aus der objektiven Beobachterrolle fällt und das Geschehen kommentiert, mit den Darstellern spricht oder ihnen Anweisungen gibt.  

Das Feature-Äquivalent im Terror-Bereich sind Cottees Meinung nach die Märtyrer-Videos, die in den Neunzigern in Palästina aufkamen. In teilweise mehr als einstündigen Filmen wird darin zum Beispiel die Geschichte eines Märtyrers erzählt, dessen Familie von Israelis getötet wurde und der diesen Tod rächen will, indem er sich in Israel in die Luft sprengt. Das Gonzo-Äquivalent ist dann logischerweise ein kurzes Video, in dem man einen Gewaltakt sehen kann, direkt, ohne Umschweife und ohne genauere Erklärung. Die ersten Filme dieser Art tauchten in den Nuller Jahren auf, sie stammten meist aus dem Irak als Reaktion auf die amerikanische Militäroperation und zeigten zum Beispiel Anschläge auf Soldaten. Der Money Shot, also die Sequenz, die den Anschlag zeigt, wurde dafür oft mehrfach hintereinander geschnitten, ein Verfahren, das auch in Gonzo-Pornos verwendet wird. Und oft kann man den Kameramann hören, wie er das Geschehen begeistert kommentiert.  

Der IS, so Cottee, nutzt sowohl Feature- als auch Gonzo-Elemente in ihren Videos. Doch die bekanntesten, wie jene, die die Enthauptungen der Journalisten Sotloff und Foley und des Briten David Haines zeigen, sind reine Gonzo-Produktionen: Sie haben eine Amateurfilm-Ästhetik, sind extrem kurz und zeigen nur diese eine Sequenz.  

Und was lernen wir daraus?
Sowohl Pornofilme als auch Terrorvideos haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker an die Internet-Ästhetik angepasst. Sie richten sich an Zuschauer, die nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne haben oder aufbringen wollen. Die Botschaft soll nicht komplex und in einen größeren Zusammenhang gebettet sein, sondern einfach und radikal. Ähnlich wie im Porno-Bereich wird auch im Falle der Terrorvideos die Zahl der Amateur-Videos immer größer: Jeder kann mit seinem Handy ein Paar beim Sex filmen, jeder kann mit seinem Handy eine Exekution filmen. Simon Cottee nennt diese neue Form der Terror-Videos sogar „a purer kind of gonzo“. Immerhin ist hier nichts mehr inszeniert, der Money Shot wird direkt aus der Realität gegriffen, unmittelbarer geht es nicht.  

Einige Fragen bleiben nach der Lektüre von Cottees Text allerdings. Zum Beispiel, ob die Analogie von Porno- und Terror-Videos nicht doch etwas zu eng gefasst ist. Es mag ja sein, dass die Produktions-Formen „Feature“ und „Gonzo“ in der Porno-Industrie ihren Ursprung haben – aber sie lassen sich von dort sicher nicht nur auf Al-Qaida- und IS-Propaganda übertragen, sondern generell auf das Phänomen des Internet-Videos. Viele virale YouTube-Hits sind mittlerweile Amateur-Gonzo-Produktionen. Ob ein Promi, der sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf schüttet, oder ein kleiner dicker Junge, der ein Lichtschwert schwingt – meist handelt es sich um selbstgedrehte, kurze Filmchen, die uns nur eine einzige Sache zeigen; da gibt es nicht viel Erzählung (oder man muss sie sich, wie im Falle der Ice Bucket Challenge, selbst anlesen).

Auch über Konsequenzen der verschiedenen Videoformen denkt Cottee nicht nach. In beiden Fällen, Porno und Terrorvideo, geht es um eine direkte Reaktion. Nicht um den reinen Konsum einer Geschichte oder von Bildern, maximal gepaart mit etwas emotionaler Anteilnahme, sondern darum, einen Akt herauszufordern – im einen Fall einen sexuellen, im anderen Fall einen Gewaltakt, denn die Terror-Videos sollen ja auch neue Kämpfer rekrutieren. Aber wie fordert man einen Akt am besten heraus? Mit der komplexeren Geschichte eines „Features“, sodass sich der Zuschauer mit dem Protagonisten identifizieren kann? Oder mit einer Gonzo-Sequenz ohne einen solchen erzählerischen Überbau, mit der wackligen Handkamera gefilmt, die einen unmittelbaren Zugang bietet, das Gefühl, dabei zu sein oder zumindest dabei sein zu können? Am Ende entscheidet das vermutlich der Charakter des Zuschauers.  

Und es bleibt der eine große Unterschied: Ein Porno will nur das, diesen Akt herausfordern, eine Lust erzeugen und befriedigen, es richtet sich allein an die, die Interesse daran haben. Ein Terrorvideo will zum einen Anhänger rekrutieren. Aber es richtet sich auch an alle anderen: Es will drohen und Angst machen. Und das schaffen die Gonzo-Produktionen vermutlich besser als jedes noch so gut ausgearbeitete Feature.


Text: nadja-schlueter - Collage: Daniela Rudolf

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