Leben für das Weekend

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Screenshot: 52wochenenden.de; Foto: Sibylle Fendt) Angestrichen: Als ich im "Weekend" ankomme, steht der Mond bereits im Haus des Lehrers, der Fahrstuhl in den 12. Stock kostet acht Euro. Das ist etwas viel für eine Disco, in der normale Leute zu normaler Musik tanzen, allerdings kann ich mir vorstellen, dass der Ausblick, wenn man genug verschreibungspflichtige Medikamente genommen hat, reizvoll ist. Man könnte sich dann vielleicht einbilden, man wäre ein amerikanischer Bomberpilot, der unsere Eltern von den Nazis befreit. Aber in meinem gemäßigten Zustand fallen die stalinistischen Prachtbauten einfach zu sehr raus aus der Vision. Wo steht das denn? Auf 52wochenenden.de dem neuen Blog von Jens Friebe. Friebe „gilt vielen als eine Art Lichtgestalt der deutschen Popkultur“ (jetzt.de) und macht normalerweise eloquenten Elektro-Indie der Handelsklasse I. Vor sechs Dienstagen fing Friebe mit dem bloggen an, statt jedoch wie die meisten anderen vom Alltag zu berichten, pickt er sich die schönste Kurzstrecke der Woche raus: deren Ende. Vom „Ausgehen und Rumstehen“ zu berichten, darin hat der Sänger Erfahrung, den das Leben von Lüdenscheid über Köln nach Berlin führte – belieferte er doch eine Weile die gleichnamige Party-Kolumne der taz. Schilderungen aus dem Nachtleben sind in der Regel unerquicklich: Im schlimmsten Fall War Stories von Jetset-Piloten, die mit der größten Abschluss-, Abschlepp- Absturzquote prahlen. Und selbst im besten Fall immer die ständige Verheißung des Glücks unter der Discokugel, das – wenn man tatsächlich hingeht und nachguckt – doch nie so heiß gegessen wird, wie es zuvor beschrieben wurde. Friebe jitterbugt in seinen dienstäglich erscheinenden Schnurren über diese Fallstricke hinweg, da er sich nicht mit minutiösen Schilderungen konsumierter Barbiturate aufhält oder der exakten Distinktion zwischen Deep House und Handbag House. Sondern statt dessen hübsche kleine Geschichten erzählt, die auch funktionieren, wenn man die Namen der Beteiligten ebenso wenig kennt wie jede einzelne der im Laufe der Nächte aufgesuchten Locations. Oder wie der Berlin Mitty Boy (aus Prenzlauer Berg, wenn die Erinnerung an den Interviewbesuch in seiner Wohnung nicht trügt) in den Linernotes zu der auf ein Jahr angelegten Ausgeh-Dokumentation schreibt: „Etwa 42 der 52 Texte werden in Berlin spielen, doch Kenner der Stadt und ihrer Szene haben beim Lesen keinen Vorsprung, den die anderen nicht leicht aufholen können. Band- und Clubnamen sind Schall und Rauch, und Schall und Rauch gehören uns allen.“

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die schönsten Textstellen sind jedoch die, in denen Jens Friebe die oben apostrophierte Welt der Tanzenden und sich Betäubenden verlässt, und stattdessen über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens nachdenkt: Sind Bonsaibäume ein gutes Hobby? Möchte man wirklich die Speerspitze eines Social-Beat-Revivals sein? Warum musste George Best sterben? Und wäre es Tragödie oder Glücksfall gewesen, wäre man beim Knutschen mit dem „Schogettenmädchen“-Fotomodel auf dem Schlitten an einem großen Eisblock zerschellt? Kurz gesagt: Sofort brennen bookmarken. Steht im Regal zwischen: „Party Boy“ von Georg M. Oswald und „Abfall für alle“, dem Internet-Tagebuch von Rainald Goetz. Aber ins Regal kommt es erst in einem Jahr – dann erscheinen die 52 Miniaturen in Buchform. Das neue Video „Lawinenhund“ von Jens Friebe ist eine schöne Drei-Minuten-Variante von David Lynchs „Wild At Heart“ und kann hier (WinMedia) und hier (RealPlayer) angesehen werden. Seit dem 15. Februar kann man Jens Friebe auch wieder live erleben. Bis Ende März tourt er durch Deutschland und hier gibt's alle Tourdaten.

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