Leid ist nicht vergleichbar

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Angestrichen:
"I believe our trip made a big crack in the Palestinian wall of ignorance and indifference about the Holocaust. [...] Perhaps one day soon this wall will collapse."  

Wo steht das?
In einem Gastbeitrag von Zeina M. Barakat für die Online-Ausgabe des amerikanischen Magazins "The Atlantic". Die in Jerusalem geborene und aufgewachsene Palästinenserin Barakat ist Doktorandin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.  

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Illustration: Julia Schubert

Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Hierhin reiste die Gruppe palästinensischer Studenten. Viele Palästinenser hielten das für ein falsches Signal.

Worum geht’s?
"A Palestinian Student Defends Her Visit to Auschwitz" lautet der Titel des Textes, der einen erstmal etwas ratlos zurücklässt. Eine palästinensische Studentin besucht Auschwitz. Was genau ist daran so ungewöhnlich, dass sie es öffentlich verteidigen muss?

Was genau ist das Problem?
Um den Text zu verstehen, muss man die Vorgeschichte betrachten. Zeina Barakat besuchte im März 2014 gemeinsam mit knapp dreißig weiteren palästinensischen Studenten das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Polen. Die Reise war Teil eines Programms namens "From Flesh to Stone", einer Kooperation der Universität Jena, der Universität Tel Aviv und der Ben Gurion Universität des Negev und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Geleitet wurde sie von Professor Mohammed Dajani von der palästinensischen Al-Quds-Universität und Gründer der Gruppe "al-Wasatia", die sich für einen moderaten Islam einsetzt. Eine Woche verbrachte die Gruppe in Polen und besuchte neben Auschwitz auch Krakau, um etwas über das dortige jüdische Leben vor dem Holocaust zu erfahren.  

Klingt eigentlich nach einer klassischen Studienreise. Aber es war eben keine Schulklasse aus Göttingen, die das ehemalige Konzentrationslager besuchte, sondern eine Gruppe Palästinenser. Die bei ihrer Rückkehr scharf verurteilt wurden. Dieser Besuch fördere die "Normalisierung" mit Israel und der aktuellen Situation, beklagten palästinensische Nationalisten, der Professor befördere einen "Ausverkauf" an die Juden und die Anerkennung des Holocaust rechtfertige die Landnahme der Israelis. In palästinensischen nationalistischen Kreisen gilt der Holocaust nicht als individuelle, unmenschliche Katastrophe, sondern wird stets als Auslöser der eigenen Katastrophe verstanden: der Staatsgründung Israels im Jahr 1948. Der palästinensische Kolumnist Abdullah Dweikat schrieb, er bedauere den Besuch der Studenten in Auschwitz – auch er lehne Genozide ab, aber diese Reise übergehe das Leid, das den eigenen Landsleuten täglich von den Besatzern zugefügt werde. Die Besatzer, das sind in jenem Verständnis genau die Gleichen, denen man mit einem Besuch in Auschwitz die Ehre erweist.  

Die Studienreise der Palästinenser wurde zum Politikum. Die Al-Quds-Universität, an der Professor Dajani lehrt, distanzierte sich bereits öffentlich von der Expedition. Der Professor und die Studenten wurden, so Barakat, auch über Facebook und Twitter angegriffen. Als ebenso erschreckend wie diesen starken Gegenwind empfand sie aber das Schweigen ihrer Mitreisenden, von denen kaum einer sich traute, den Trip und den Professor, den die meisten Anschuldigungen trafen, zu verteidigen. Darum traut sie sich nun.  

Was steht in dem Text?
Barakat weist in ihrer Verteidigung zum einen sachlich darauf hin, dass alle, die den Holocaust als Urkatastrophe der palästinensischen Katastrophe betrachten, nicht bedenken, dass die erste Zionistische Konferenz bereits 1897 stattfand. Die Wurzeln des Nahost-Konflikts liegen tiefer, sind andere, will sie damit sagen.  

Zum anderen beschreibt sie ihre persönliche Geschichte. Wie sie in der arabischen Gemeinschaft Jerusalems aufwuchs, in der der Holocaust ignoriert wird. Wie sie in der Schule nichts darüber lernte oder nur im Zusammenhang mit der Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Land. Wie sie keinen Zugang zu Texten und Büchern zum Thema hatte. Professor Dajani, den sie als ihren "Lehrer und Mentor" beschreibt, fordert und fördert einen anderen Umgang mit dem Holocaust, den sie für richtig hält: Palästinenser sollen sich seiner Meinung mit diesem Kapitel der Geschichte auseinandersetzen, um die Psyche "des anderen" zu verstehen: "Professor Dajani betont, wie wichtig es ist, eine Person so zu betrachten als sei man selbst diese Person. Nur dann kann man wirklich verstehen, wie sie fühlt und warum", schreibt Barakat. Es geht also darum, den Holocaust als individuelle Katastrophe und das Leid, das die Juden erfahren haben, anzuerkennen, um dadurch einen der Aspekte zu verstehen, der ihre Identität als Volk geformt und beeinflusst hat. Ihre Reise, so Barakat, könne helfen, die "Mauer aus Ignoranz und Gleichgültigkeit", die in der palästinensischen Gemeinschaft gegenüber dem Holocaust vorherrsche, zu durchbrechen. Am Ende zitiert sie Platons Höhlengleichnis. "We simply left the cave", schreibt sie.  

Und was lernen wir daraus?
Dass die Kombination aus Menschlichkeit und Bildung nach wie vor eine ist, die es braucht, um Konflikte zu lösen. Dass im Nahen Osten beide Konfliktparteien demnächst "einen Tag in deinen Schuhen" spielen und sich auf einmal friedlich die Hände reichen, ist natürlich völlig utopisch, und darauf zu bauen, völlig naiv. Aber wer es dennoch versucht, setzt ein Zeichen.

Und Barakat betont einen wichtigen Punkt, der ebenfalls helfen kann, die Wogen zu glätten: Leid ist nicht vergleichbar. Auch nicht das Leid heutiger Palästinenser mit dem der Juden zur Zeit des Holocaust. Eine weitere Erkenntnis, die in Barakats Text mitschwingt, ist: Es gibt keine Erbschuld. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Juden, die im Holocaust gelitten haben und gestorben sind, verdienen, dass man ihrer gedenkt. Sie haben keine Schuld an palästinensischen Flüchtlingsströmen und Auschwitz zu besuchen bedeutet nicht, diese Flüchtlingsströme zu legitimieren. Barakat, ihr Professor und ihre Kommilitonen haben, ganz einfach, geschichtliches Interesse und Empathie bewiesen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.           


Text: nadja-schlueter - Foto: afp

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