Löst sich das Internet auf?

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Angestrichen:
Das wahrscheinliche Endergebnis ist, dass das Netz ein Nischenprodukt wird.

Wo steht das denn?
In einem Blogeintrag von Chris Dixon. Er investiert Geld in Start-Ups aus der Technologie und Internetbranche und macht sich deshalb gerne Gedanken um die Zukunft des Internet. Momentan macht er sich Sorgen über eine Veränderung, die seiner Meinung nach längst begonnen hat und nicht mehr aufzuhalten ist.  

Worum geht es da?
Um unser Nutzungsverhalten, das sich langsam aber sicher verändert. Weil immer mehr Menschen ein Smartphone in der Tasche haben, verschiebt sich die Internetnutzung auf PC  oder Laptop deutlich in Richtung Unterwegsnutzung. Das mobile Netz auf dem Smartphone oder Tablet ist die Zukunft.  

So weit, so bekannt. Weniger bekannt ist ein Nebeneffekt dieser Verschiebung, der sehr große Auswirkungen haben könnte. Auf dem Smartphone ist nicht der Browser – Safari, Firefox, Chrome und so weiter – das größte und wichtigste Tor ins Internet. Dort sind es die Apps. 85 Prozent der Smarthone-Nutzer sagen, dass sie lieber Apps nutzen als mobile Webseiten. Klingt vertraut: Wenn wir auf dem Smartphone unseren Kontostand checken wollen, öffnen wir die App unserer Bank, anstatt den Browser, wo wir erst noch umständlich die URL eintippen müssen. Wenn wir wissen wollen, ob es ein Gewitter geben wird, öffnen wir die Wetter-App und nicht die Wetter-Webseite im Browser. Und das Es ist in so gut wie allen Bereichen so: Auf den Smartphone-Bildschirmen sind die direkten Zugangstüren schon bereit, wir müssen nicht erst durch die Tür mit den schweren Türflügeln gehen und durch die große Eingangshalle tapsen, bis wir dahin gelangen, wo wir wirklich hinwollen.  

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Illustration: Julia Schubert

Browser auf dem Smartphone-Schirm. Bald schon ein Bild der Vergangenheit?

Und was steckt da noch dahinter?
Eventuell ziemlich viel. Denn unser Nutzungsverhalten beeinflusst, wie sich der Markt internetbasierter Anwendungen verändert. Wenn also mobile Webseiten weniger wichtig werden, weil immer weniger Leute ihren Browser nutzen, werden Unternehmen und alle anderen Netz-Akteure kein Geld mehr in browserbasierte Angebote stecken. Was sie wiederum weniger interessant für die Nutzer macht und ihre Abwanderung ins App-Land voran treibt. Und so weiter. Deswegen kommt Dixon zu seiner Einschätzung, dass das Browser-Internet in Zukunft ein Nischenprodukt werden wird.  

Jetzt könnte man sagen: Na und, mir doch egal – Hauptsache, es funktioniert alles und wir sind glücklich, und wenn wir uns dabei ein bisschen nerviges Getippe auf diesen unsäglichen Smartphone-Tastaturen sparen, ist doch alles super!

Nix da, sagen die Bedenkenträger: Wenn es so kommt, sagen sie, schnürt man dem Netz viel von seinem Innovations- und pluralistischem Potenzial ab. Denn innovative Ideen haben es schwer, je höher die Zugangshürden sind. Ein App-dominierter Markt würde diese Hürden höher setzen, schreibt Dixon. Er begünstige eine „Die Reichen werden reicher“-Dynamik, die letzten Endes zu Konzentration führen würden. Vor allem aber sei der Markt der Apps momentan kein gänzlich freier (und schon gar kein pluralistischer) Markt. Er ist in der Hand der App-Store-Besitzer, also in der Hand von Google und Apple. Die können theoretisch kontrollieren, welche Apps sie zulassen und welche nicht, welche sie promoten und welche nicht. Was ihnen nicht passt, passiert nicht – Apple zum Beispiel habe alle Apps zurückgewisen, die irgendwas mit Bitcoins am Hut haben, schreibt Dixon. Was wäre gewesen, fragt Dixon, wenn die Macher von Google, Youtube, Ebay, Wikipedia und Facebook um Erlaubnis hätten bitten müssen, um ihre Ideen zu verwirklichen?  

Natürlich ist nicht zu erwarten, dass sich von heute auf morgen alles umkrempelt und man Angst haben muss, bald nur noch eine leere Wüste zu finden, wenn man den Browser öffnet. Erst recht ist nicht zu erwarten, dass deswegen demnächst eine Revolution ausbricht und die Internetnutzer für den Erhält der aussterbenden Spezies Browser demonstrieren. Aber es ist nicht falsch, solche Zukunftsszenarien im Hinterkopf zu behalten. Allein deshalb, weil sie einem mal wieder ins Bewusstsein rücken, dass das Internet noch im Kleinkindalter ist und dass längst nicht ausgemacht ist, dass es morgen noch so aussieht wie heute.




Text: christian-helten - Foto: dpa

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