Musik ist was für Mädchen

Foto: Ullstein Taschenbuch Verlag angestrichen: Wo sind die Songs über Typen, die keinen hochkriegen und panische Angst vor Beziehungen haben? Wo sind die Songs über ihre lesbischen Zwillingsschwestern oder abgedrehte Pärchen in New York, die einen mit nach Hause nehmen und im Bett mit einem Parmesankäse essen wollen? Wo steht das denn? In „Ballroom Blitz“ von Jessica Adams.
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Illustration: Julia Schubert

Foto: Ullstein Taschenbuch Verlag angestrichen: Wo sind die Songs über Typen, die keinen hochkriegen und panische Angst vor Beziehungen haben? Wo sind die Songs über ihre lesbischen Zwillingsschwestern oder abgedrehte Pärchen in New York, die einen mit nach Hause nehmen und im Bett mit einem Parmesankäse essen wollen? Wo steht das denn? In „Ballroom Blitz“ von Jessica Adams. Die hat mit der Musikjournalistin Linda Tyler ein weibliches Pendant zum allseits beliebten Romanheld der Marke „männlicher Musik-Nerd“ geschaffen. Linda wird Ende der 70er Jahre als Reporterin für das neu gegründete NWW (steht für „New Wave Weekly“) engagiert, ein Titel, der sich, wie sie schnell merkt, nur schlecht in betrunkenem Zustand aussprechen lässt. Auch sonst ist das NWW eher ein müder Abklatsch des „New Musical Express“. Die Redaktion besteht aus dem Chef, dessen Erfahrung als Verleger sich darin erschöpft, dass in seiner Verwandtschaft einst eine Jagd-Zeitschrift herausgegeben wurde. Das andere Redaktionsmitglied heißt John, ein gnadenlos zynischer Mittdreißiger mit bedenklichem Drogenkonsum, dessen Einschätzungen von der Langlebigkeit neuer Bands mitunter nicht ganz der Wirklichkeit standhalten können. Linda hat zwar keinerlei Erfahrung als Journalistin, als jüngstes Redaktionsmitglied sind ihre Aufgaben jedoch relativ schnell definiert: 1. Platten rezensieren, die John nicht mag. 2. Auf Konzerte gehen, über die Jon nicht schreiben will und 3. Sich das Kreuzworträtsel und Mode-Strecken ausdenken. Dass Lindas langjähriger Freund David sich für Musik nicht im geringsten interessiert, macht die Sache auch nicht unbedingt leichter. Als David sich von ihr trennt, weil sie sich in seinen Augen nicht genug für die ernsten und wichtigen Belange des Lebens interessiert, zieht der Rock’n’Roll auch in Lindas Privatleben ein. Ein entrückter australischer Fotograf, diverse Musiker und immer wieder David bringen ihre Provinz-Vorstellungen von Liebe und Beziehung mitunter ziemlicher durcheinander. Jessica Adams hat das alles wunderbar lakonisch aufgeschrieben. Und selbst wenn man von Musik so viel Ahnung hat wie David, der seriöse, lohnt sich die Lektüre des Romans auf jeden Fall. Steht im Bücherregal zwischen: „High Fidelity“ von Nick Hornby und der Fanzine-Sammlung aus lang vergangenen Zeiten. "Ballroom Blitz" von Jessica Adams. Erschienen im Ullstein-Verlag. 383 Seiten, 9 Euro.

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