Mutter! Eine schrecklich traurige Geschichte von Donald Antrim

Angestrichen: Sie war für alle, die ihr nahe standen – zumal für diejenigen, die auf ihre Zurechnungsfähigkeit angewiesen waren -, ein bedrohlicher Mensch. Genau genommen verbrachte sie einen Großteil ihres Erwachsenenlebens im einem Blackout-Zustand, wobei sie in den meisten Nächten drei Stunden oder weniger traumlos „schlief“. Der Verlust der Tiefschlafphase muss verheerende Auswirkungen auf ihren Körper und ihren Geist gehabt haben. Sie bekam Schreianfälle, die bis in die frühen Morgenstunden andauerten. Ein paarmal, so erinnere ich mich, fand ich sie frühmorgens vor der Dämmerung auf dem Boden im Wohnzimmer liegen.
christina-waechter
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Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? In "Mutter" von Donald Antrim. Antrim hat keinen Roman geschrieben, das steht extra dick vorne auf dem Cover. Sondern eine Art Essay über seine Mutter, die alkoholkranke Louanne, ihr Leben, ihr Sterben und sein Leben nach ihrem Tod. Es ist eine schreckliche und schrecklich traurige Geschichte, die er in einem nüchternen Ton erzählt. Das Leben seiner Mutter fängt eigentlich so gut an wie nur möglich: Louanne heiratet ihren High-School-Liebling und die beiden bekommen zwei reizende Kinder. Der Vater macht Karriere, Louanne hat einen Lehrauftrag an der Universität, die sechziger Jahre verheißen einen libertinären Geist, man liest die Existenzialisten und trinkt dazu Whiskey. Und irgendwie, man erfährt nicht genau, wann und warum, stürzt Louanne ab. Tagsüber funktioniert sie noch, geht zur Arbeit und hält die Fassade aufrecht. Abends schenkt sie sich ein Glas Bourbon mit Eis nach dem anderen ein und säuft sich ins Koma. Die Kämpfe mit ihrem Mann enden in lauten Dramen, die die Kinder aus dem Nebenzimmer mitbekommen. Gerne steht Louanne auch plötzlich schwankend in Donalds Kinderzimmer und beschimpft ihn lauthals. Die Eltern trennen sich, heiraten erneut, trennen sich endgültig. Irgendwann sind Donald und seine Schwester alt genug, um von zuhause auszuziehen. Aber eine Mutter wird man nicht los. Antrim beschreibt hauptsächlich die letzten Monate im Leben seiner Mutter, die nun, nachdem sie dreizehn Jahre trocken war, unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist. Ihre letzten Lebensmonate verbringt sie in ihrer Heimatstadt, näht exzentrische Kleidungsstücke und irritiert ihre Mitmenschen bis zum Ende. Donald verbringt die Monate nach ihrem Tod mit der Suche nach dem perfekten Bett. Mit einem geradezu wahnhaften Eifer stürzt er sich in dieses Projekt, wählt das beste aller Betten, die bequemste aller Matratzen aus, auf der Suche nach einem Rückzugsgebiet, in dem er sich von dem Leben und Sterben seiner Mutter distanzieren kann. Zwischen diesen paar Monaten geht Antrim immer wieder auf die Reise in die weitere Vergangenheit, erzählt von seinem Onkel, der vom liebenswerten Exzentriker zum lebensunfähigen Alkoholiker wurde, von dem Freund seiner Mutter, den sie bei den Anonymen Alkoholikern kennen lernte und der sein ganzes Leben der Suche nach einem Bild widmet, das für ihn eine Art heiligen Gral darstellt. Obwohl Antrim immer wieder abschweift und keine Geschichte zuende erzählt, wird alles doch zu einem Ganzen. Denn ein Leben ist keine Geschichte und deshalb, auch wenn es beendet sind, nicht abgeschlossen. „Mutter“ ist das Portrait einer dysfunktionalen Familie und die Beklemmung, die man beim Lesen nicht los wird, ist wahrscheinlich symptomatisch für eine solche Familienkonstellation. Antrim schafft es, gleichzeitig Nähe und Distanz zu dieser Lebensgeschichte, die seine eigene ist, zu wahren. Und das macht dieses Buch, so schlimm es zu lesen ist, zu einer unglaublich großartigen Erzählung von einem ganz normalen, schrecklichen Leben. Steht im Bücherregal zwischen:"Trocken!" von Augusten Burroughs, der Geschichte einer Entziehungskur und "Wenn Eltern zu viel trinken. Risiken und Chancen für die Kinder" von Martin Zobel. Mutter von Donald Antrim, 256 Seiten, 17,90 Euro. Erschienen im Rowohlt Verlag.

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