Nicht anders, nur neuer: Der Vice-Guide to Hamburg

Nach München, Zürich und Berlin jetzt also die Hansestadt: Was Vice über Astra, Fischmarkt und die Reeperbahn zu sagen hat. Ein Textmarker
florian-zinnecker

Wo steht das denn? Im so genannten Vice Guide Hamburg, der gerade erschienen ist. Ergänzte man allerdings noch die Zeile “Hamburg, meine Perle” als Überschrift, könnte das alles auch problemlos in der Frau im Spiegel erschienen sein. Na gut: Vielleicht mit ein paar kleinen Korrekturen im Ausdruck. Aber sonst? Das Berliner Vice Magazine unterscheidet sich sonst – das sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt – grundsätzlich von der Frau im Spiegel. Aus Versehen ist die vielleicht auch mal „derb, eklig, arrogant, versnobt, sexistisch, skurril, beleidigend, verstörend, oberflächlich, geschmacksfaschistisch und kryptisch“. Aber bei Vice gehört all das mindestens inoffiziell zum Markenkern (wie an dieser Stelle zu schon einmal zu lesen war und unter viceland.com/germany immer wieder zu lesen ist). Der jetzt erschienene Vice Guide to Hamburg ist – nach Berlin, München und Zürich – der vierte, ähm, Stadtführer aus dem Hause Vice. Mit den besten Kneipen, Cafés, Vierteln undsoweiter. Im Vice-Style natürlich. Eigentlich geschenkt: ein derb-arrogant-versnobt-verstörendes Heft über eine ebensolche Stadt vollzuschreiben müsste kein besonderes Kunststück sein. Es ist trotzdem eins geworden. Denn: In den bisher erschienenen Ausgaben wurden die darin vorgestellten Städte unbedingt auch offensiv beleidigt. Berlin sei „eine einzige glückliche, besoffene Parade von Immigranten, faulen Säcken und Hunden, die endlos vor sich hinscheißen“. Zürich wirke wie ein in allen Farben irisierender „kristallener, kokaingetränkter Endlosexzess“ beziehungsweise ein identitätsloser, wohlstandsverwahrloster Teenager auf Drogen. Und der typische Münchner gelte gemeinhin als einer, der „es auf einem grünen Hügel mit einer Kuh treibt und währenddessen mit Hilfe seines Siemens-Handys die Industrialisierung der Landwirtschaft perfektioniert“. Klar: Es ging nicht nur darum, wahllos draufzuhauen. Aber eben auch darum. Und bei Hamburg? „Die City mit der Neustadt und Altstadt wird von der Alster, dem riesigen Planten un Blomen-Park und der Elbe eingerahmt. Das allein lässt die City schon einzigartig und vor allem offen erscheinen. Die großen Flächen geben einem Platz zum Atmen.“ Ähm. Ja. Es gibt drei Erklärungsansätze. Erstens: Hamburg hat per einstweiliger Verfügung die gröbsten Grobschlächtigkeiten im Keim erstickt. Zweitens: Berlin, München und Zürich haben nachträglich Ärger gemacht. Drittens: Den Vice-Machern sind nur mal kurz die Füße eingeschlafen, und der nächste Vice-Guide, dann vielleicht über Frankfurt oder Leipzig, wird wieder. Oder viertens und am wahrscheinlichsten: Die meinen das alles ironisch. Die tun so, als seien sie mainstreamiger als alle Baedekers, Merians und Marco Polos zusammen. Weil bei Hamburg das Draufhauen ja keine Kunst ist.

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Illustration: Julia Schubert

Kurzes Brainstorming: Was muss in einen konventionellen Hamburg-Führer so alles rein? - das Wetter in Hamburg ist ja nicht so der Bringer (an mindestens sechs verschiedenen Stellen einflechten!) - in der Schanze trinken verspießerte Yuppies die portugiesische Milchkaffeevariante Galao (unbedingt den Begriff „Galao-Strich“ verwenden!) - das Schmidt’s Foxy Food erwähnen, weil Pommes hier GrillGold heißen und Schnitzel SCHMITTzel - den Hamburger Berg als die perfekte Gegend für eine ausgiebige Kneipentour bezeichnen - darauf hinweisen, die „durch Film und Funk bekannte“ Esso-Tankstelle auf dem Kiez besser nur tagsüber aufzusuchen, weil abends die Türsteher nicht ohne Grund vor der Tür stehen - vor dem Eimer Nuttenexkrement warnen, den Frauen über den Kopf gekippt kriegen, wenn sie die für sie verbotene Herbertstraße betreten - unbedingt auf den Fischmarkt als perfekte Abrundung einer Samstagnacht verweisen - den Satz „Hamburger schwärmen gerne von ihrer Stadt und behaupten, sie sei die schönste in Deutschland. Vermutlich haben sie recht“ genau so übernehmen. - und, ach ja: daran erinnern, dass man vom Kirchturm des Michel eine gute Aussicht hat Diese Liste arbeitet der Vice-Guide konsequent ab. Gelogen ist das alles zwar nicht – wem nie eine Böe auf dem Weg zur S-Bahn eine Kontaktlinse aus dem Auge geweht hat, und wer nie halbbesoffen auf dem Fischmarkt eine Makrele erst gegessen und dann hinter der Fischauktionshalle wieder zurückgelassen hat, der kann nicht länger als zwei Monate hier gelebt haben - aber, wie man in München sagen würde: Ja mei. Jeden Tag passiert das ja doch nicht. Auf gut 70 Seiten dreht sich alles um die Schanze und St. Pauli, die Neu- und die Altstadt, Eimsbüttel und Altona, Astra, Labskaus, den Hafen und die immer präsente Vergnügungsmeile. Könnte auch sein, dass sie die Stadt wirklich mögen. Und deshalb so viele gute Haare an ihr lassen. Aber hey – wer soll das glauben? Und dann kriegen sie die Kurve doch noch: „In Mümmelmannsberg, auch „Bunny Hill“ genannt, leben hauptsächlich arme arbeitslose Asylanten und illegale Einwanderer, die auf Hochhausbalkonen Fleisch braten. Hier wird nur gearbeitet, wenn das ZDF mal wieder über Großstadtghettos berichtet und die Anwohner für das Nachstellen von Messerstechereien bezahlt.“ Wir hatten uns schon Sorgen gemacht. Außerdem enthalten: Der Hinweis, dass Astra nicht schmeckt (stimmt), dass Hamburger selbst am meisten über das in ihrer Stadt herrschende Mistwetter schimpfen (stimmt nicht), dass dem Molotow die Schließung droht (stimmt mittelfristig leider) und dass man nur seinen größten Feind zu „König der Löwen“ schicken sollte (kein Kommentar). Nur das Miniaturwunderland und das Udo-Jürgens-Musical tauchen nicht auf. Das war dann wohl doch zu viel.

Text: florian-zinnecker - Foto: dpa

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