Nouveau Chique Kanakster

KiWi angestrichen: Vielleicht waren wir in dieser Nacht gar nicht in Istanbul, sondern in Berlin, Mitte.
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Illustration: Julia Schubert

KiWi angestrichen: Vielleicht waren wir in dieser Nacht gar nicht in Istanbul, sondern in Berlin, Mitte. Egal. Orte sind letztlich eine Summe enttäuschter Gefühle und unwiderrufener Sehnsüchte. Wo steht das denn? Imran Ayata erzählt in "Hürriyet Love Express" zwölf Geschichten von Türken, Deutschen, Deutschtürken, Arbeitsimmigranten, Einwandererkindern in Deutschland, der Türkei und auch mal in Griechenland. Die Orte spielen für seine Erzählungen tatsächlich keine Rolle, sie sind nur die Kulisse für Geschichten von Integration und das Zurechtfinden in einer fremden Kultur. Da ist zum Beispiel der Migrant Ismet, der in der Geschichte "Elvan" von den ersten Wochen in Deutschland erzählt: "Fast jeden Tag wurden wir damals mit neuen Fragen und ungekannten Problemen konfrontiert, mit denen man alleine hoffnungslos überfordert war. Ich erinnere mich, dass wir meist die Wochenende mit sieben oder acht Familien gemeinsam verbrachten. Die Deutschen Nachbarn hielten uns für bekloppt, glaube ich. Vielleicht riefen sie deswegen manchmal die Polizei." Das Fremdsein steht aber nur an wenigen Stellen im Buch derart im Vordergrund, Imran Ayata konzentriert sich auf die Dinge, die zwischen den Menschen passieren, schreibt über unerfüllte Träume genauso wie über Liebe, Partys und das Glück. Dieses Glück in einer eigenen Nische hat die so genannten Zweite Generation längst gefunden, sie „schlürfen Longdrinks, lassen sich von elektronischer Musik berieseln, während sie von ihren Erfolgen im Büro oder von ihren nächsten Urlaubsplänen erzählen. Hier treffen sich die Nouveau Chique Kanakster, die sich ohne Reue amüsieren.“ Der Autor Imran Ayata, der 1969 als Kind türkischer Einwanderer in Deutschland geboren wurde, erzählt Geschichten von Migranten und zeichnet eine junge Generation, der zwar latent ihre Andersartigkeit bewusst ist, die aber selbstbewusst damit umgeht. Steht im Bücherregal zwischen: Feridun Zaimoglu und Paul Auster Imran Ayata verbindet das Thema Migration mit Großstadtgeschichten. Er gehörte 1998 zu den Gründern von Kanak Attak, einer Gruppe junger Migranten, die sich laut und selbstbewusst der Welt zudrehten und sagten, Schluss mit den Klischees. „Hürriyet Love Express“ verzichtet durchgehend auf Stereotype und schaut lieber mal in die Wohnzimmer türkischer Familien und auf das wahre Leben. "Hürriyet Love Express" von Imran Ayata. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. 208 Seiten, 7 Euro 90.

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