Nur bisschen menschenverachtend: Sonja Zietlow und die Rote Armee

Für die Moderatorin haben die Kandidaten einer Fernsehshow und KZ-Insassen so ungefähr das Gleiche erlebt.
max-scharnigg

„Wir waren schon erleichtert, so ausgezehrt und ausgemergelt wie Michael am Ende aussah, hatten wir schon ein bisschen Angst, die Rote Armee befreit das Camp.“ Es ist ärgerlich, nun auch hier noch über diese quälend präsente Sendung schreiben zu müssen, aber der oben zitierte Auswurf von Sonja Zietlow sollte nicht unbesprochen bleiben. Die Moderatorin wählte ihn zum prominenten Auftaktgag der zehnten Folge am elften Tag der Live-Sendung „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“. Sie vergleicht damit die Situation freiwilliger Kandidaten, die in einer Fernsehshow mit dosierten Herausforderungen um den Titel „Dschungelkönig“ kämpfen, mit den Zuständen, die die Rote Armee bei ihrem Vorrücken auf Nazideutschland in den Konzentrationslagern vorgefunden hatte. Sie vergleicht die Erschöpfung des Schauspielers Michael M., dessen Waschbrettbauch bis dahin wichtiger Teil der Bildsprache der Sendung war, mit den verhungerten und dehydrierten Menschen, die sowjetische Soldaten zum Beispiel im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau entdeckten – und von denen viele trotz der Versorgung durch die Rote Armee in den Folgewochen starben. Hier ist das betreffende Zitat ab Minute 3:15 zu sehen Auch für moralische Leichtverdauer und „Satire darf alles“-Sager dürfte der auswendig gelernte Gag wegen dieser ziemlich leicht herstellbaren Parallele würgend geschmacklos und vor der grellbunten Kulisse einer deutschen Show so unerträglich kontrastierend wirken, dass er nicht ohne Widerspruch bleiben darf, bzw. eigentlich Konsequenzen haben sollte. Der Blog lipflip.org merkt in dieser Sache zudem an, dass Frau Zietlow mit ihrem Witz die Vernichtungslager, in denen die Tötung von Menschen systematisch betrieben wurde, auf Orte des Hungers reduziert. Dazu könnte bei jungen oder historisch durchschnittlich bewanderten Zuschauern leicht der Eindruck entstehen, als hätten die Lager stets unter der kontrollierten Duldung der Roten Armee gestanden und diese hätte erst bei Fällen, die „ausgezehrt und ausgemergelt wie Michael“ waren, eingegriffen. Nun ist es wohl zum Merkmal insbesondere dieser Staffel des Dschungelcamps geworden, dass das scharfe StandUp-Geplapper des Moderatorenteams beinahe schon mehr Aufmerksamkeit beansprucht als das Treiben der Kandidaten auf dem Dschungelboden. Die Vermutung liegt nahe, dass sich Sonja Zietlow und Dirk Bach, beide nicht gerade bekannt für politischen Sarkasmus oder schwarzhumorige Florettkunst, vom wohlwollenden Applaus der Leitmedien beflügelt, dabei zunehmend an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bewegen. Das scheint aber weder die beiden, noch die Nutznießer der erzielten Quote in Köln sonderlich zu stören. Die lapidare Antwort jedenfalls, die vom RTL Pressesprecher laut "lipflip.org" auf eine diesbezügliche Anfrage gegeben wurde, atmet fröhliche Sorglosigkeit: „(…)Im Einzelfall mag ein Spruch auch mal über das Ziel hinausschießen. Damit die Gefühle von Holocaust-Betroffenen zu verletzen, liegt uns jedoch fern.“ Also Schwamm drüber und die Zietlow gefälligst weiter lustig sein lassen. Diese Lässigkeit ist schon erstaunlich, wo doch vor genau einem Jahr ein RTL-Pressesprecher in Zusammenhang mit dem Dschungelcamp vorbildlich reagiert und mit den markigen Worten „Generell ist ein solches Verhalten ist für RTL nicht tolerierbar“, den Kandidaten DJ Tomekk aus der Show geworfen hat. Grund war damals ein Video, in dessen Besitz angeblich die Bild-Zeitung gelangt war und auf dem ein betrunkener Herr Tomekk den Hitlergruß und die erste Strophe des Deutschlandliedes zur Aufführung gebracht haben soll. Diese Entgleisung ist der breiten Öffentlichkeit erspart geblieben und wurde dennoch resolut geahndet. Der unpassende KZ-Vergleich von Sonja Zietlow vor einem Millionenpublikum soll aber offenbar als liebenswerte Eigenheit durchgehen. Das also bedeutet bei RTL „generell nicht tolerierbar“.

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