Pauken statt pausieren

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Angestrichen:
Vielen Eltern gefalle aber auch nicht, wenn ihre Kinder ein Jahr mit Reisen und Trödeln zubrächten. So bezahlten sie lieber ein Vorbereitungsstudium, in dem man schon Credit Points für das anschließende Studium sammeln könne. 

Wo steht das?
In einem mit „Trainieren kommt vor Studieren" betitelten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Gesagt hat diesen Satz Antonia Gohr von der Jacobs Universität Bremen.

Was steckt dahinter?
Eine neue Idee an den deutschen Universitäten, die an der TU München und der privaten Jacobs Universität Bremen bereits umgesetzt wurde: ein universitäres Vorbereitungsjahr für Abiturienten. In Bremen nennt sich dieses seit letztem Jahr bestehende Angebot „Foundation Year" und bietet den Teilnehmern Sprachtraining sowie Grundlagenkurse in Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften. An der TU München heißt das Programm „Studium naturale" und soll Grundlagen in Physik, Biologie, Chemie und Mathematik vermitteln, richtet sich also an alle mit einem naturwissenschaftlichen Studienwunsch. Kostenlos ist diese Vorbereitung allerdings nicht: Laut FAS müssen die Teilnehmer in München 1000 Euro zahlen, in Bremen sogar eine erheblich größere Summe, die sich aus 18000 Euro Studiengebühren, 4000 Euro für Unterkunft und Verpflegung und 1000 Euro Campus-Gebühren zusammensetzt.

Antonia Gohr wird in der FAS des Weiteren damit zitiert, „das Vorbereitungsjahr sei ein Trend, der Markt sei da“. Damit bezieht sie sich auf die verkürzte Schulzeit, an deren Ende für viele die Studienentscheidung zu früh komme: Viele Abiturienten seien einfach noch sehr jung „und in den neuen strukturierten Studiengängen kann man dann nicht mehr groß herumprobieren“. Das weiterbildende Jahr nach der Schule und vor der Uni soll die zukünftigen Studenten also anscheinend auf Kurs bringen und ihnen helfen, eine auf möglichst festem Fundament stehende Entscheidung zu fällen. Außerdem soll es sie konkurrenzfähiger machen: Vor allem die Mathe- und Englischkenntnisse deutscher Abiturienten, so Gohr, seien oft nicht ausreichend, osteuropäische Absolventen etwa seien im Schnitt ein bis zwei Jahre weiter und zudem erstklassig vorbereitet auf die internationale Aufnahmeprüfung amerikanischer Universitäten – eine Voraussetzung, die an der privaten, internationalen Jacobs Universität natürlich gefragt ist.

Schaut man auf die Zahlen, sind die nicht überwältigend: 15 Teilnehmer absolvierten das erste „Foundation Year“, 13 davon beginnen nun ihren Bachelor an der Jacobs Universität. Allerdings hat diese als private Einrichtung ohnehin weniger Studenten. An der TU hingegen ist die Teilnehmerzahl von 26 im ersten „Studium naturale“ auf 150 Interessenten in diesem Jahr gestiegen, ein Zuwachs, der auf den doppelten Abiturjahrgang aus G8- und G9-Schülern zurückzuführen ist. Die besten Schüler werden belohnt: „Wer einen Abiturdurchschnitt von mindestens 2,5 hat, kommt in die Lostrommel“ und hat so eine Chance auf einen der 100 im Programm zu vergebenen Plätze, so TU-Vizepräsident Peter Gritzmann in der FAS.

Ingesamt schürt die Idee des Vorbereitungsjahres weiter das seit der Bologna-Umsetzung vorherrschende Gefühl, die universitäre Ausbildung sei viel weniger frei, viel leistungsorientierter und insgesamt karrieristischer geworden. Exemplarisch dafür darf der angestrichene Satz von Antonia Gohr gelesen werden: Statt „Reisen und Trödeln“ keine Zeit verlieren und lieber gleich an der Uni durchstarten. Die Teilnehmerin des „Foundation Years“, die im FAS-Artikel zu Wort kommt, hat nach dem Abi allerdings einen Freiwilligendienst in Israel gemacht. Und es ist damit zu rechnen, dass sich die meisten Abiturienten weiterhin erstmal für eine Reise-, Praktikums-, oder einfach Ausspann-Phase entscheiden, sich also Zeit nehmen, um auszuprobieren oder auszuruhen, bevor sie wieder eine Bank drücken. Dass die Unis „die Lücke zwischen Schule und Studium“ füllen, wie Antonia Gohr sagt, wird hoffentlich und wahrscheinlich nicht zum gängigen Modell.

Zum Schluss bleibt noch die Frage, warum die Schulzeit verkürzt wird, wenn anschließend die fehlenden Grundkenntnisse in kostenpflichtigen Programmen nachgeholt werden müssen. Und so schließt Birgitta vom Lehn, die Autorin des Artikels, dann auch mit der lakonischen Bemerkung: „An den staatlichen Schulen war das 13. Schuljahr freilich kostenlos."

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