Pornokrieg in der Wissenschaft

Im Zeitalter von Youporn ist jegliche Form von Sex nur ein paar Mausklicks entfernt. Auch die Forschung widmet sich vermehrt der Pornoindustrie. Die erste Fachzeitschrift zu diesem Thema löst in Akademikerkreisen in Großbritannien aber gerade einen heftigen Streit aus.
paulina-hoffmann

Angestrichen:
"The issue of porn – what's out there, who's watching it, what effect it has – hasn't been as live as this for years. (...) In many ways, it would seem like exactly the right time to launch an academic journal solely devoted to porn studies."

Wo steht das?
In einem Artikel auf der Seite des Guardian. Seitdem zwei britische Wissenschaftlerinnen angekündigt haben, eine Fachzeitschrift mit dem Titel Porn Studies herauszugeben, gibt es in England heftige Diskussionen. Manche sprechen bereits von einem akademischen Porno-Krieg.   

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Illustration: Julia Schubert



Und worum geht’s da genau?
Auslöser für den "porn war", der gerade zwischen den Intellektuellen in Großbritannien tobt, war die Ankündigung zweier Wissenschaftlerinnen, im nächsten Jahr die erste akademische Fachpublikation zum Thema Pornografie herauszugeben. Die Dozentin für Sexualität und Kultur, Clarissa Smith, und die Kulturwissenschaftlerin Feona Attwood wollen mit ihrer geplanten Zeitschrift Porn Studies der gesamten Pornografieforschung ein Forum bieten. Das ist ihrer Meinung nach dringend nötig, denn mit der zunehmenden Verbreitung von Pornos im Internet würde auch die Zahl der Wissenschaftler steigen, die sich damit befassen. "Wir stellen fest, dass mehr und mehr Akademiker über diese Dinge schreiben", zitiert der Guardian Attwood. Nur ein Fachblatt zum Publizieren fehlt eben noch. Forschungsergebnisse werden bis jetzt nur in einzelnen Arbeiten und Studien veröffentlicht. Atwood kritisiert zudem, dass sich ein Großteil der bisherigen Forschung im Kreise drehen würde: "Es werden immer die gleichen Fragen gestellt: Sind Pornos schädlich? Mit welchen Themen hängen sie zusammen? Dann wird Pornografie aber gar nicht definiert, und wo Zusammenhänge gefunden werden, führen sie zu nichts. Es wird zwar viel geschrieben, aber wir wissen trotzdem wenig darüber." Die Zeitschrift soll die Forschung also in Schwung bringen.

Viele sind da anderer Meinung. So wirft das Aktionsbündnis "Stop Porn Culture", bestehend aus Professoren, Pädagogen und Experten für Gewaltprävention, der geplanten Zeitschrift eine Pro-Porno-Einstellung und mangelnde Seriösität vor. Man teilt zwar die Meinung, dass die Pornokultur mehr kritische Aufmerksamkeit verdient, allerdings wirft man den beiden vor, "die Normalisierung von Pornografie" zu fördern. Die Online-Petition, in der die Kritiker vom Verlag der Zeitschrift eine Stellungnahme zu den Vorwürfen fordern, hat in der akademischen Welt bereits 880 Unterstützer gefunden. Die Soziologieprofessorin Gail Dines, führende Pornografieforscherin und Mitbegründerin von "Stop Porn Culture", vergleicht die beiden zudem mit Leugnern des Klimawandels: "Eine eigene Zeitschrift ist sinnvoll, aber in der Redaktion muss es unterschiedliche Stimmen geben. Es ist nötig, die Pornoindustrie zu erforschen und die Wirkung von Pornos auf sexuelle Identitäten. Aber die Herausgeberinnen verleugnen viele Forschungsergebnisse über die negativen Effekte von Pornos.“ Die Autorin der Studie Pornland bezeichnet Atwood und Smith, die sich selbst als neutrale Instanz bei dem Thema sehen, zudem als "Cheerleader der Pornoindustrie".

Doch nicht nur vonseiten der Akademiker hagelt es Anfeindungen. Auch die Hilfsorganisation "Rape Crisis South London" hat sich mittlerweile in die Debatte eingemischt. Die Mitarbeiter der Organisation seien täglich mit den Schäden von gewalttätigen Inhalten in Pornofilmen konfrontiert. Der Vorwurf an die beiden Forscherinnen: Sie würden diese Erfahrungen als nicht forschungsrelevant abtun.

Und was heißt das jetzt für die Zeitschrift?
Die Zeiten, in denen Pornofilme in einer düsteren Ecke in der Videothek versteckt wurden, sind längst vorbei. Schätzungen zufolge werden derzeit 30 Prozent der gesamten Internetkapazität für den Austausch von Pornos genutzt. Und auch das Image hat sich geändert. Hafteten Pornos früher noch das Prädikat "besonders schmuddelig" an, sind sie mittlerweile ein Stück akzeptierter. Dennoch gibt es neben den - nennen wir sie mal Gute-Laune-Pornos - auch Filme, die von Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit geprägt sind. Dieser Aspekt sollte in Zeitschrift nicht verharmlost werden und dort genauso einen Platz finden, wie die pornofreundlichen Thesen.

Text: paulina-hoffmann - Foto: rtr

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