Problem: In Holland wollen zuviele Leute zum Militär

Nach der Einberufung „ausgemustert“ - die Niederlande haben ein Rekrutierungsproblem. Es gibt zu viele junge Männer, die in den Militärdienst wollen
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Angestrichen: De druk op de defensiebegroting heeft vervelende gevolgen voor 467 jongeren die waren goedgekeurd voor een baan bij Defensie. (Der Druck auf den Verteidigungshaushalt hat weitreichende Folgen für 467 junge Männer, die bereits eine Anstellung beim Militär hatten.) Wo steht das? In einer Mitteilung des niederländischen Verteidigungsministeriums. Um was geht es? 467 Männer sind betroffen. Ungeheuerlich. Unverschämt. Lächerlich findet das Wiebe Herweijer. Bei der größten Soldaten-Gewerkschaft in den Niederlanden, AFMP, ist Herweijer gefragt, weil er sich im Dschungel der Paragrafen auskennt. Wiebe Herweijer, Jurist der Gewerkschaft, hilft Soldaten, sich gegen das Verteidigungsministerium zu wehren. 467 junge Holländer waren eigentlich schon eingezogen und stehen jetzt auf der Straße, weil die Kasse des Ministeriums leer ist. Das Problem ist: Die Niederlande haben nicht genug Geld, um den jungen Soldaten Lohn zu zahlen. 467 mal führt das Verteidigungsministerium deshalb in diesen Tagen Gespräche - mit jenen, die jetzt nicht gebraucht werden. „Die meisten haben für unsere Situation Verständnis“, sagt Frans Limbertie vom Ministerium in Den Haag. Mit „unsere Situation“ meint er einerseits einen Ansturm auf das Militär. Andererseits meint er eine leere Staatskasse. Rund drei Milliarden Euro gibt das Verteidigungsministerium für Personalkosten aus. Weil Holland aber Schulden abbauen will, wird jetzt gekürzt. „Gleichzeitig haben wir eine gewaltige Zunahme von Interessierten“, so Limbertie. Für 467 junge Männer bedeutet das in diesem Jahr, dass für sie kein Platz ist an der Waffe. Sie waren schon eingezogen oder hatten eine schriftliche Einberufung.

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Illustration: Julia Schubert

Holländische Soldaten in Afghanistan. „Viele Jugendliche kommen direkt von der Schule, andere haben vielleicht schon ihren Job gekündigt“, tobt Wim van den Burg, der Vorsitzende der Soldaten-Gewerkschaft AFMP. Die Absage bedeute Einkommensverluste für die jungen Erwachsenen, die meisten stünden jetzt auf der Straße. Dazu kommt: Viele der Bewerber haben studiert. Sie hätten die Königliche Militärakademie der Niederlande besucht. „Uns gehen damit gute Leute verloren“, klagt van den Burg. Nun hat das Ministerium das Los über die „Entlassung“ schon vor Arbeitsbeginn entscheiden lassen. Der Gewerkschafts-Vorsitzende sagt, so etwas habe er noch nie erlebt: „So geht das nicht, es gibt Verpflichtungen, an die sich auch ein Verteidigungsministerium zu halten hat.“ Das Ministerium hat, im Vergleich zu Deutschland, ein schmeichelhaftes Problem. Alle wollen zum Militär. Die wirtschaftlich unsichere Lage veranlaßt viele Absolventen, sich bei der Armee zu bewerben, die einen guten Ruf genießt. Außerdem scheinen Werbemaßnahmen plötzlich zu fruchten. Von 100.000 Interessenten ist jetzt die Rede. Dabei hat das Militär in Holland gerade einmal 50.000 Soldaten und 20.000 zivile Mitarbeiter. Ministeriumsmitarbeiter Frans Limbertie räumt nun ein: „Wir laufen Gefahr, zu groß zu werden.“ In einem Lage-Bericht von der Rekrutierungs-Front schreibt der Verteidigungs-Staatssekretär an die Regierung in Den Haag, dass nach vielen Jahren die Armee 2009 zum ersten mal wieder gewachsen sei. Es wurde 20 Prozent mehr Personal eingestellt und 30 Prozent weniger Personal entlassen. Der Bericht endet deshalb mit den Worten: „Angesichts dieser Zahlen müssen wir auf die Bezahlbarkeit achten.“ Die 467 Menschen, die nun eine Absage ereilt hat, sollen jetzt im nächsten Jahr ihren Dienst beginnen. Man werde versuchen, eine Lösung zu finden, verspricht das Verteidigungsministerium. Das Verteidigungsministerium kündigt derweil an, dass weiterhin für Karrieren im Militär geworben werden soll. In diesem Jahr wolle man vor allen Dingen technische und medizinische Berufsfelder bekannt machen. Der Mann von der Gewerkschaft seufzt schon: „Dann haben wir 2011 dasselbe Problem.“

Text: benjamin-duerr - Foto: dpa

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