Sammelsurium der Leidenschaften

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franzi-schoenenberger angestrichen: Marcel bestellte Champagner, auch wenn Hector Champagner nicht besonders mochte. Man durfte die Entfaltung seiner Gastlichkeit nicht stören. Er war einer dieser Menschen, die laut reden und ihren Freunden auf die Schulter klopfen. Obwohl er keine athletischen Schultern hatte, kniff Hector in diesem Augenblick der wahren Freundschaft die Arschbacken zusammen. Beim Nachtisch fragte Marcel seinen neuen Freund, wie er sich das Leben nach der Sammelsucht vorstelle. Wo steht das denn: In „Das erotische Potential meiner Frau“ des französischen Autors David Foenkinos. Er erzählt die Geschichte Hectors, eines krankhaften Sammlers, der sein Leben damit verbringt, nutzlose Dinge, wie etwa Geräusche zu einer bestimmten Tageszeit oder Aperitifspießchen zu horten. Seine Sammlerleidenschaft belastet den armen Hector so sehr, dass er versucht, sich das Leben zu nehmen. Bei einem Pechvogel wie ihm geht das natürlich schief. Um die sechs Monate, die er zur Erholung im Krankenhaus verbringt, vor seiner Familie rechtfertigen zu können, täuscht er eine Amerika-Reise vor. Damit er glaubwürdig klingt, versucht er sich in der Bibliothek alles relevante über das Land anzulesen. Dabei trifft er Brigitte, die – oh Wunder! – aus dem selben Grund Amerikabücher verschlingt. Natürlich verlieben sich die beiden Sonderlinge und heiraten vom Fleck weg. Und spätestens ab hier wird auch die Geschichte selbst höchst sonderbar, wie auch der 31-jährige Autor David Foenkinos im Interview mit jetzt.de zugibt. Kannst du grob die Handlung deines neuen Romans umreißen? Es ist nicht leicht, das Buch zusammenzufassen, denn es kommen viele kleine Geschichten darin vor, und nicht zuletzt ist alles ziemlich sonderbar. Auf alle Fälle ist es eine Liebesgeschichte. Der Mann, um den es geht, ist vernarrt in eine bestimmte Handlung seiner Frau, nämlich in ihre Art, Fenster zu putzen. Ich wollte über einen Mann schreiben, der in der völligen Bewunderung seiner Frau aufgeht, aber nicht nur seiner Frau im Allgemeinen, sondern einem ganz speziellen Teil von ihr - eben wie sie Fenster putzt. Er mag diese Aktion so sehr, dass er nach ständigen Wiederholungen dieser kleinen Szenen verlangt. Die Idee ist, dass man natürlich eine Frau lieben kann, aber genauso gut auch nur einen kleinen Ausschnitt von ihr. Dafür brauchte es einen obsessiven Charakter wie Hector mit seiner Sammelsucht. Ist Hector in seiner Leidenschaft eine Art Don Juan? Ja, so steht es auch im Buch, ein Don Juan des Objekts. Das heißt nicht, dass er die Frauen zu Objekten macht. Er ist ein Sammler aus Liebe, wie Don Juan, nur dass ihm seine Frau genügt. Was er sammelt, ist ein bestimmter Augenblick im Leben seiner Frau, nachdem er von seinen anderen krankhaften Sammlerleidenschaften geheilt ist. Hector wird vom Erzähler immerzu „unser Held“ genannt. Mir kam er allerdings fürchterlich unheldenhaft vor. Es geht in dem Buch auch um den äußeren Schein. Hector sieht zwar heldenhaft aus, aber im Grunde ist er das Gegenteil. Das was in dem Buch zählt, ist aber die persönliche Erscheinung. Jeder will wie jemand wirken, der er nicht ist. Gérard, der Schwager Hectors, behauptet zum Beispiel, einmal ein wichtiges Fahrradrennen gewonnen zu haben. Man kann das vielleicht mit dem Bild vergleichen, das wir von Japanern haben: Die verwenden ihren gesamten Urlaub angeblich nicht zur Erholung, sondern zum Sammeln von Beweismitteln, dass sie tatsächlich vor Ort waren. Es zählt nicht, glücklich zu sein, sondern es beweisen zu können. Aber im Übrigen wird Hector schließlich doch ein Held. Er wird Vater, und ich finde, heutzutage ist dies das Heldenhafteste, was ein Mann tun kann. Du spielst auch mit Länder-Klischees, zum Beispiel, dass man Schweden, die keine blonden Haare haben, nicht trauen darf. Einige dieser Sätze sollen einfach nur lustig sein. Manchmal stelle ich im nachhinein fest, dass sie vielleicht sogar stimmen, wer weiß. Der Punkt ist: Ich bin keiner dieser Autoren, die gerne Details nennen. Keine der Figuren im Roman ist in ihrem Aussehen genau beschrieben, weder ihre Haarfarbe, noch die Figur. Pro Satz ein Detail – das reicht. Und manchmal will ich eben über die Schweden bloß sagen, dass man denen, die keine blonden Haare haben, nicht trauen darf, mehr nicht. Ich will keine Klischees von Ländern abbilden, sondern nur an Details sparen. In der FAZ war zu lesen, dass dein Buch gewisse Gemeinsamkeiten mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ aufweist. Vielleicht ist die Gemeinsamkeit zwischen Amélie und der Art, in der das Buch geschrieben ist, dass alles so sachte ist, so prüde. Es gibt keine wirklich sexuellen Szenen. Auch Amélie Poulain ist eine sanfte, fast asexuelle Person. Das könnten manche Leute als Gemeinsamkeit gesehen haben. Ich sehe das aber nicht so. Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen? Ich habe damit begonnen, als ich ungefähr 20 Jahre alt war. Ich war verliebt, und schrieb aus dem Urlaub jeden Tag Briefe an das Mädchen. Ich war einer von diesen romantischen Jugendlichen, die sich jeden Tag verliebten. Dadurch wurde es für mich notwendig, jeden Tag etwas zu schreiben. Mit den Briefen habe ich irgendwann aufgehört und habe es mit kleinen Geschichten probiert. Ich habe schon oft Leute getroffen, die mir erzählten „Oh, ich schreibe auch, aber mir fehlt immer die Zeit“. Da stimmt etwas nicht. Wenn du ohne Schreiben nicht leben kannst, findest du natürlich die Zeit. „Das erotische Potential meiner Frau“ von David Foenkinos. Erschienen bei C.H. Beck . 188 Seiten, 16,90 Euro.

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