Sebastian23 – Spoken Word – Slam Poetry – und Liedermaching

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Angestrichen: Hütet euch vor den Böden, denn sie sind bereits unter euch! Wo steht das denn? Im Textbooklet des Spoken-Word Debuts Gefühlsmoped, Track 12, „Revolution von unten“.

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Illustration: Julia Schubert

Was zunächst vom Titel her eher als ein politisches Gedicht daher kommt, wird plötzlich zum Brüllen komisch. Es handelt nämlich von den Böden, die zur Decke streben, weil sie nicht mehr wollen, dass man auf ihnen herumtrampelt. Und wir sind dazwischen. Wenn wir nicht „platt gemacht“ werden wollen, müssen wir uns wehren, „denn mit etwas Druck von oben bleibt hier alles beim alten und wir können die blöden Böden am Boden halten!“ Wir müssen die Revolution von unten unterbinden. Und so ist es am Ende doch ein politisches Gedicht, nur unsere Sichtweise ist anders als erwartet. Wir haben keine Sympathie mit den Böden. Politisch sein ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit viel Witz, ist ungewohnt und funktioniert oft erst beim zweiten Hinhören - einer der Gründe warum man sich auch mal eine CD von einem Spoken Word Künstler anschaffen kann. Ein weiterer ist die Performance. Der Unterschied zwischen gelesenem Wort und gesprochenem Wort fällt beim Hören von"Gefühlsmoped" auf. Ein Fakt mit dem man sich sonst seltener konfrontiert sieht. Die Performance spielt eine große Rolle dabei, was man lustig findet. Dadurch, dass alle Aufnahmen auf der Platte Live-Mitschnitte sind, bekommt man spontane Publikumsreaktionen auch zu hören. Das Stück „At the End of the Longest Line” beginnt damit, dass Sebastian23, mit bürgerlichem Namen Sebastian Rabsahl, über seine Freunde erzählt. “Meine Freunde Fritte, Macke und Schnuttels…“ Er wird von einem lauten Lacher unterbrochen und reagiert spontan: „Wie heißen denn deine Freunde?“ Noch lauteres Lachen und ein Zwischenruf von einem anderen Zuhörer: „Ey, der kommt aus dem Ruhrpott, da heißen die wirklich so!“ Das ist der Stoff mit dem Beat Poeten wie Allen Ginsberg in ihren Lesungen die literarische Szene der USA revolutionierten. In den 1950ern, der McCarthy-Ära, also jener Zeit als jeder Freidenker in den USA der kommunistischen Umtriebigkeit bezichtigt worden ist, gab es bei Audio-Aufnahmen von poetischen Lesungen keine Zwischenrufe. Es wurde auch nicht gelacht, vor allem weil Gedichte nicht lustig zu sein hatten. Allen Ginsberg , zusammen mit anderen Beat-Poeten wie Jack Kerouac und William Borroughs, änderte das. Eine Basis ihrer damals revolutionären Weise zu dichten, war der Humor. Beat leitet sich vom englischen „beatific“ ab, was so viel wie „glückselig“ heißt. Zwar hat Sebastian23 mit den USA nicht viel am Hut, das bringt er in seinen Texten immer wieder zum Ausdruck, aber er steht doch in der Tradition der Textperformer. Weil die Themen anspruchsvoll sind, stört es nicht, dass ein guter Slam-Poet seine Slams eigentlich nicht über Lacher gewinnen sollte. Sonst wäre er nämlich ein Comedian. Steht zwischen C.R.Avery , junger kanadischer Spoken-Word und Mundharbonika/Beatbox/Keyboard Performer und Hans Söllner, bayrischer Liedermacher, weil Text und Musik gemeinsam auch neue Wege beschreiten können. Gefühlsmoped von Sebastian23, 22 Tracks, 14,90€. Erschienen im Sprechstation Verlag

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