So sieht also unsere Zukunft aus

Oliver Carlo Errichiello und Arnd Zschiesche angestrichen: In der Woche stellen sie sich während der Mittagspause einen nahrhaften Rohkostsalat vom Buffettresen im Supermarkt zusammen, auf den einige Kürbiskerne, die in vakuumversiegelten Plastiktütchen in der Schreibtischschublade lagern, gestreut werden.
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Illustration: Julia Schubert

Oliver Carlo Errichiello und Arnd Zschiesche angestrichen: In der Woche stellen sie sich während der Mittagspause einen nahrhaften Rohkostsalat vom Buffettresen im Supermarkt zusammen, auf den einige Kürbiskerne, die in vakuumversiegelten Plastiktütchen in der Schreibtischschublade lagern, gestreut werden. Am späten Abend lauschen sie bei der Heimfahrt am Steuer ihres SUVs der Hör-CD von Tiki Küstenmacher: "Stufe sechs der Lebenspyramide: Simplify your Partnerschaft.“ – und sind aufrichtig überzeugt, ihr Leben voll im Griff zu haben. Wo steht das denn? Gleich im ersten Abschnitt von "Die Angestellten des 21. Jahrhunderts“ beschreiben Oliver Carlo Errichiello und Arnd Zschiesche plastisch, was auf uns nach Schule und Studium wartet. Das Leben als Angestellter. Und teilweise klingt es gar nicht so schlecht: Da tauchen eben jene Gutmenschendinge wie Kürbiskerne auf dem Salat auf, Design-Magazine, DVD-Abende und regelmäßige Restaurantbesuche. Alles Dinge, die unweigerlich auf jeden von uns zukommen werden, und eines allein mutet auch nicht besonders furchterregend an. Aber die beiden Autoren erzeugen in 24 Kapiteln durch bissigen Witz und gemeine Seitenhiebe Angst, in der umfassenden Spießigkeit zu enden. Die Kapitel widmen sich Mode, Wohnen, Essen, Urlaub, Liebe usw. usf. Errichiello und Zschiesche führen uns vor Augen, wohin es führt, wenn Angestellte immer nur das Gute und Interessante und wahnsinnig Spannende machen wollen, dabei aber einfach nur langweilig sind. Nach jeder bitterbösen Kolumne macht man ein weiteres Ausrufezeichen hinter den Satz, den man gleich nach der Einleitung auf das Lesezeichen gekritzelt hat: "Bitte versuchen, nicht so zu enden!“ Eine Alternative zum Angestellten-Dasein ist zweifellos die Arbeitslosigkeit. Seit letztem Jahr mit fehlender Erwerbstätigkeit verbunden und das Schlagwort schlechthin: "Hartz IV“. Manchmal braucht man das böse Wort nur erwähnen und die Menschen erzittern. Hartz IV ist an allem Schuld. Jetzt auch an einem Kochbuch, was dem Arbeitslosengeld II seine Schärfe nehmen soll. Im "Hartz IV Kochbuch" gibt es Suppen und Salate, Nudeln und Desserts für den kleinen Geldbeutel. Die Herausgeber wollen damit verhindern, dass wir "zu Ladendieben werden, den Schrebergarten des Nachbarn plündern oder im Edelrestaurant die Zeche prellen." Leider fehlen dann im Buch die Angaben zur Kostspieligkeit der einzelnen Gerichte, aber vielleicht ist das "Hartz IV Kochbuch" ein Geschenk für den einen oder anderen arbeitslosen Verwandten mit sehr viel Humor. Stehen im Bücherregal zwischen: Berufsfindungsbüchern und "alfredissimo“ von Biolek. "Die Angestellten des 21. Jahrhunderts“ stellt berechtigterweise in Frage, ob es überhaupt so erstrebenswert ist, die Zukunft in einem Büro mit Gummibaum und Familienfoto zu verbringen. Das "Hartz IV Kochbuch" soll über geldlose Zeiten hinweg helfen, die zweifellos folgen werden, wenn du dich dann doch für ein Leben als Bohème entscheidest. "Die Angestellten des 21. Jahrhunderts“ von Oliver Carlo Errichiello und Arndt Zschiesche. Erschienen im Verlag Moderne Heimat. 257 Seiten, 9 Euro. Das "Hartz-IV-Kochbuch“ von Sigrid Ormeloh und Nicole Schlier. Erschienen im Lumica Verlag. 79 Seiten, 12 Euro.

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