Soviel Veränderung war noch nie! Oder?

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Angestrichen:
"In einer ruckeligen Art von Echtzeit-Nachrichtenversorgung kommen in Fünf-Minuten-Abständen die neuesten Katastrophenfragmente herein. Jedermann hat nun eine Nachrichtenlage, wie sie noch vor einem Jahrzehnt nur Privilegierten zugänglich war; mit Wikileaks und Cryptome gibt es heute sogar die Bürgergeheimdienste dazu. Was früher die Morgenlage im Kanzleramt war, ist jetzt dank der durchs Netz geisternden Weltnachrichtenströme demokratisiert und Public Domain."  

Wo steht das?
In einem Text von Peter Glaser auf der Website von der Freitag. Der schöne Titel des Essays lautet Die Zuvielisation.  

Worum geht es?
In den vergangenen Wochen ging es auf der Welt richtig rund. Es gab Erdbeben, Revolutionen, einen Tsunami, den Beginn eines Krieges und immer noch weiß niemand, ob die Atomkraftwerke von Fukushima am Boden bleiben. Zwei Tage lang schien die Gefahr einer atomaren Katastrophe sehr nah. Viele Internetleser aktualisierten ausdauernd die Ansichten ihrer bevorzugten Nachrichtenwebsites. Sie saugten jede noch so kleine Information aus Japan gierig auf. Schließlich blieb den Redaktionen nichts mehr übrig: Sie verzichteten teilweise darauf, die ankommenden Nachrichten zu sammeln und zu einzelnen Texten zu verdichten. Sie stellten Liveticker online, die die Wichtigkeit der Situation und den schieren Nachrichtenüberfluss zugleich symbolisierten.  

Der Schriftsteller Peter Glaser wunderte sich. Er schaute sich die Liveticker und die Livestreams an und dann kam ihm etwas in den Sinn. „Sämtliche Medien, allen voran das Netz, sind inzwischen auf einen Zustand der Ständigkeit ausgerichtet – Permanenz. Der digitale Medienfluß ist dabei, sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln.“ Der Argumentation wirkt einigermaßen vertraut. Das Web ist verclipisiert. Es gibt keine Alben mehr, es werden nur noch Tracks weitergereicht. Es gibt keine Filme mehr, es gibt Clips und die Zeitung wird auch nicht mehr als Ganzes wahrgenommen, weil auf Facebook einzelne Artikel empfohlen oder weitergereicht werden. Die Dinge zerfasern also und Twitter ist dafür immer noch das schönste Beispiel. Glaser bezeichnet den Dienst sehr nett als „die erste Zeitung, die nur aus dem Inhaltsverzeichnis besteht“. Glaser glaubt, dass den Dingen und der Welt so nach und nach ihr Zentrum abhanden kommt. Nichts verharrt mehr. „Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand“, schreibt er.    

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Es macht Spaß, sich mit solchen Texten und solchen Gedanken zu befassen, weil man sehr leicht an solchen Gedanken mitdenken kann, weil sie etwas mit dem stinknormalen eigenen Leben zu tun haben. Im Sinne Glasers kann man hergehen und sein Telefon herausnehmen und es entgeistert anschauen. Allein die Präsenz dieses Geräts ist eine Zumutung, weil es uns ständig in Erregung hält. Ein Smartphone, noch schlimmer, ist die materialisierte potentielle Erregung. Das kleine Gerät kann mit einem Bimmeln oder einer Mail das Leben ändern. Das ist schon was. Viele Zeitgenossen glauben nun, dass es sogar sehr viel ist. Sie glauben, dass all der Wandel und die vermeintliche Beschleunigung, die uns widerfährt, eine substanzielle Veränderung darstellt. Gabor Steingart ist der Chef vom Handelsblatt und hat seinen Eindruck davon in das Buch „Das Ende der Normalität“ geschrieben. Der Band steht gedanklich in der Nähe von Glasers Text. Steingart schreibt, dass das Leben früher viel mehr Eckdaten hatte. Biografien verliefen linear, die Menschen lebten in festgefügten Bezugsrahmen und Praktika musste auch keiner machen. (Und umziehen musste man auch nicht so oft.) Er beschreibt eine komplexer werdende Welt, die, und da ist er sich mit Glaser einig, das Menschenhirn zum Brummen bringt.  

Nun mögen all die Beobachtungen stimmen. Aber stimmen auch die Interpretationen? Ist das Leben wirklich „permanenter“ und weniger „normal“? War das Leben nicht schon immer eine Timeline, in der sich ein Eindruck an den anderen hängte, in dem die Augen dauernd neue Dinge aufsaugen und verarbeiten müssen? Mal ganz vorsichtig gedacht: Ist nicht sogar ein Spaziergang durch die Innenstadt von Freiburg wahnsinnig verstörend, weil sich schon dabei tausendfünfhundert Sinneseindrücke ins Gemüt prägen? (Und dann noch die kleinen Kanäle überall!) Vielleicht war schon immer gleich viel Veränderung, vielleicht waren die Menschen schon vor Hundert Jahren wahnsinnig aufgeregt und dachten, die Welt ändere sich just zu ihrer Zeit wie nie zuvor. Es gibt Anzeichen dafür und eines kann man in einem Text aus dem Wissensteil der Süddeutschen Zeitung finden. Er beginnt so: „ Es handele sich um die „moderne Krankheit“ schlechthin, schrieb der US-Neurologe George Beard. Die Betroffenen litten unter allgemeiner Erschöpfung, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Neuralgien, Libidoverlust, Überempfindlichkeiten gegen Lärm und Licht. Die Gründe dafür seien in der Zivilisation zu finden: Dampfkraft, Telegraphie, Zeitungswesen, Naturwissenschaften und die geistigen Aktivitäten der Frauen. Man ahnt, dass es sich hier um keinen aktuellen Bericht handelt. Beard erstellte seine zeitkritische, auch in Europa populäre Diagnose im Jahre 1869. Die Krankheit nannte er Neurasthenie.“  

Klar, Glaser und Steingart sind nicht krank. Sie beschreiben nur unsere Situation und sie deuten an, dass man sich nicht wundern muss, wenn einem die Dinge zuviel werden. Sie erinnern dabei an eine Zeit, die es offenbar schon ein paar Mal in einer ähnlichen Auflage gab. Ein bisschen erinnern sie einen an eine Zeit in der man selbst noch in einer Schulklasse war und gemeinsam mit den Klassenkameraden dachte, man sei die verrückteste und frechste und durchgeknallteste Klasse seit Menschengedenken. Coole Lehrer lassen einen in diesem Glauben, weil der Gedanke, dass das eigene Leben der Mittelpunkt der Welt ist, zum Menschwerden dazu gehört. Und dann wenden sich diese Lehrer ab und der nächsten Schulklasse zu, die wieder von sich denkt, sie markiere eine Zeitenwende, etwas nie Dagewesenes. Und so geht es immer weiter.

Text: peter-wagner - Foto: DavidQ/photocase.com

  • teilen
  • schließen