Staub

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Wo steht das denn? In „Staub“, dem neuen Buch von Stefan Kalbers. In den 25 Kurzgeschichten sind die Protagonisten schizoid, verliebt, auf Drogen. Oder bloß langweilige Mitläufer. So wie Heike und ihr Freund. Die beiden sind zwischen zwanzig und dreißig, sehen durchschnittlich aus, tragen durchschnittliche Klamotten und machen durchschnittliche Dinge: Ins Kino gehen, Fastfood essen, lauwarme Küsse austauschen. Sie sind ein Paar, weil es bequem ist und planen ein Kind zu bekommen, weil es nun mal zum Leben dazugehört. Ein paar Seiten zuvor, in der Kurzgeschichte „Paranoia Returns“ hat Timo erst Pornos geschaut, dann mit Drogen gedealt, schließlich mit einer Gang neugeborene Babys aus der Kinderklinik entführt und geht danach mit einem Messer auf seinen Kumpel Mirco los. Mirco versetzt Timo einen Tritt in die Magengegend - Timo wird schwarz vor Augen. Als er wieder zu sich kommt, ziehen Wortfetzen an seinen Augen vorbei: „Leben war eine Sache, tot sein einen andere. Aber das Existieren irgendwo dazwischen, das war die Hölle.“ Viele Figuren in “Staub“ existieren aber nun mal zwischen diesen beiden Zuständen und versuchen, etwas gegen ihre eigene Leblosigkeit zu tun, um wieder mehr als bloß Monotonie und Einsamkeit zu fühlen: Der eine verbringt den Abend im Puff, der andere gräbt eine Frauenleiche im Wald immer wieder ein und wieder aus, und der nächste lädt alle seine Gäste von seiner eigenen Geburtstagsparty aus, um auf eine andere Feier mitzugehen – schließlich will er niemanden enttäuschen. Zwischen den Proleten, Prostituierten und Nazis fehlen eigentlich nur noch Pfandsammler und Provinztouristen, um das Bild der Gesellschaft zu vervollkommnen. Aber wahrscheinlich will Stefan Kalbers gar keinen Querschnitt durch die sozialen Schichten erreichen. Denn manche Geschichten sind zu abgespact, um sie bierernst zu nehmen: Kai, der wächst und wächst und wächst, bis er über drei Meter groß ist und sich an jedem Türrahmen stößt. Inspektor Sullivan, der zu einem Affen mutiert. Falk, der von seinen Freunden aus Rache mit Drogen vollgepumpt, nackt auf den Dachträger eines Autos geschnallt und durch die Stadt kutschiert wird. Die 25 Geschichten sind oft skurril, manchmal lustig, fast immer originell. Und zum Schluss immer anders als man erwartet hat: Immer gut und bloß nicht verstaubt. Steht im Bücherregal zwischen: Wladimir Kaminers „Russendisko“ und „Pur: Die Bar-Anthologie“, Geschichten von Raymond Carver, Charles Bukowski, Ernest Hemingway und einigen anderen. Staub von Stefan Kalbers, 216 Seiten, 14,90 Euro. Erschienen im Lautsprecherverlag.

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