Studiengebühren? Macht nix!

Das wichtigste Argument der Gebührengegner war immer: Ein Bezahlstudium schreckt Abiturienten ab. Stimmt gar nicht, sagen Sozialforscher aus Berlin.
christian-helten
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Illustration: Julia Schubert



Angestrichen
Mit keiner der durchgeführten Analysen kann ein negativer Effekt von Studiengebühren auf die Studierneigung identifiziert werden.

Wo steht das?
In einem am Montag veröffentlichten Diskussionspapier von Marcel Helbig und Tina Baier. Beide arbeiten am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und untersuchten, wie sich Studiengebühren auf den Studierwillen von Abiturienten auswirken. Der Titel des Papiers (hier das pdf): „War all die Aufregung umsonst?“

Was bedeutet das?
Der Titel des Papiers lässt schon erahnen, dass es sich hier um einen Beitrag grundsätzlicher Natur handelt, der die Diskussion um Studiengebühren erheblich erschüttern will. Und wirklich: Die Ergebnisse nehmen so manchem Gebührenkritiker ziemlich den Wind aus den Segeln.

Seit das Bundesverfassungsgericht 2005 entschied, dass ein Verbot von Studiengebühren nicht zulässig ist, streiten sich Politiker, Studenten und Bildungsexperten über den Sinn und Unsinn solcher Abgaben. Ein Hauptargument der Kritiker klang in diesen Debatten immer ungefähr so: Gebühren schrecken die Abiturienten ab. Wer mehrere hundert Euro pro Semester für seine Ausbildung bezahlen muss, überlegt sich zwei Mal, ob er wirklich zur Einschreibung geht, BAföG und andere neue Finanzierungsmodelle hin oder her. Vor allem potenzielle Studenten aus sozial schwächeren Hintergründen würden sich nicht trauen, die finanzielle Bürde auf sich zu nehmen, hieß es, und das wiederum zementiere die ohnehin geringe Durchlässigkeit des Bildungssystems für diesen Teil der Bevölkerung.

Was aber, wenn die Formel „Studiengebühren ist gleich Abschreckung“ totaler Käse ist? Dann wäre es vorbei mit der stringenten Argumentation der Gebührengegner.

Genau das legt die Untersuchung der Berliner Wissenschaftler aber nahe. „Zusammengenommen widerlegen die Ergebnisse einen negativen Effekt von Studiengebühren auf die Studierabsicht der Studienberechtigten“, schreiben sie in der Analyse ihrer Berechnungen. „Dieses Ergebnis hat sich in den verschiedenen Modellrechnungen durchgängig gezeigt, also auch, wenn man diese Analysen für Frauen und sozial benachteiligte Studienberechtigte separat berechnet.“

Zustande kamen die Ergebnisse durch eine Untersuchung auf Basis der Daten des Hochschulinformationssystems (HIS). Einen Studierwillen attestierten die Forscher denjenigen, die sechs Monate nach dem Abitur an einer Uni eingeschrieben waren oder sich fest vorgenommen hatten, dies demnächst zu tun. Vor Einführung der Gebühren waren das durchschnittlich 66,2 Prozent. Nachdem sieben Bundesländer beschlossen hatten, die Studenten zur Kasse zu bitten, sank diese Zahl der Studierwilligen aber nicht. Im Gegenteil: Es standen 2,7 Prozent mehr Studenten in den Schlangen vor den Immatrikulationsbüros. In den Umsonst-Ländern stieg die Zahl der Studierwilligen dagegen nur von 65 auf 65,8 Prozent.

Komisch, dachten sich die Forscher angesichts dieser Zahlen: „Das verwundert, wurde doch zunächst davon ausgegangen, dass die Studienentscheidung das Ergebnis eines rationalen Entscheidungsprozesses ist, in dem individuell Kosten und Nutzen gegeneinander aufgewogen werden.“

Auch wenn es an der Annahme, dass Gebühren auch die Lehre verbessern, erhebliche Zweifel gibt und die Berliner Forscher am Ende ihrer Studie zugeben, dass sie nicht die Hand dafür ins Feuer legen können, dass Studiengebühren per se keinen negativen Effekt auf eine Studienentscheidung haben (im Falle einer Gebührenerhöhung könnte das zum Beispiel sein) – die Politiker in den beiden letzten Gebührenländern Bayern und Niedersachsen dürften sich die Studie vor ihren nächsten Reden zum Thema ganz genau durchlesen.

Text: christian-helten - Foto: dapd

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