Sweet Sixteen

Bild: Fischer Verlag angestrichen: In den neunziger Jahren hatte es eine ganze Weile so ausgesehen, als ob man die Kids in den Griff bekäme.
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Illustration: Julia Schubert

Bild: Fischer Verlag angestrichen: In den neunziger Jahren hatte es eine ganze Weile so ausgesehen, als ob man die Kids in den Griff bekäme. Sie fütterten ihre Tamagochies, schickten sich SMS, ließen den kleinen Mario über das Mini-Display ihrer Game-Boys hüpfen und trugen Hosen, bei denen der Schritt in den Knien hing. Wo steht das denn? In „Sweet Sixteen“ von Birgit Vanderbeke. Die geht in ihrer Erzählung davon aus, dass plötzlich niemand mehr die Jugendlichen im Griff hat. Plötzlich tragen sie dann hellblaue T-Shirts. „Hellblau war bis vor kurzem das letzte gewesen“. Irgendwie verschwinden plötzlich tausende 16-Jährige an ihrem Geburtstag. Irgendwie steht das mit irgendwelchen hellblauen T-Shirts in Verbindung, auf denen „Free Your Mind!“ und „Sweet Sixteen“ steht. Das klingt natürlich irgendwie dumm und plump, und das Buch wäre auch dumm und plump, wenn Birgit Vanderbeke die Geschichte der Drop Outs à la Huckleberry Finn-Abenteuer erzählen würde. Tut sie aber nicht. Sie sagt eigentlich gar nichts zu den 16ern, die wohl irgendwie ein neues, besseres Leben anfangen wollen, sondern beschreibt - so kühl wie Aktenzeichen XY - die Reaktionen von Presse, Politik, Eltern und Polizei. Die Industrie entwickelt die elektronische Fußfessel „Kifi“ (was soviel heißt wie „Kinderfinder“), damit Eltern ihre Kinder behalten dürfen, das Parlament stellt Streiche unter Strafe, eine Wertediskussion entbrennt, Innenstädte werden abgeriegelt – die Verfolger schaukeln sich hoch, die Gejagten tun nichts. Das Buch erzählt mehr über die Alten, als über die Jugendlichen. Mehr über Jäger und Jagd, ist mehr Gesellschaftskritik an die heute Herrschenden, als Ausreißer-Romanze über jugendliche Idealisten. Hätte Birgit Vanderbeke versucht in die Köpfe der Ausreißer – und damit in die Köpfe der heutigen Jugend – einzudringen, wäre sie wohl gescheitert. So hat die fast 50-Jährige ihrer Generation klug den Spiegel vorgehalten. Steht im Bücherregal zwischen: Sándro Márais „Jungen Rebellen“ und „liegen lernen“ von Frank Goosen, der seine Jugend in den Achtzigern erzählt, in denen auf den Illustrierten entweder nackte Frauen oder Atompilze waren. „Man wusste oft nicht, was schlimmer war.“ „Sweet Sixteen", von Birgit Vanderbeke , 150 Seiten, 16 Euro 90. Erschienen im Fischer-Verlag.

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