Textmarker: 300 Tote im Testosteron-Tal

Angestrichen: Einhundert Völker kommen über uns.
roland-schulz
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Einhundert Völker kommen über uns. Schnaubende, knurrende Wüstenbestien. Jaulende Barbaren. Die Heerschwaren ganz Asiens, darauf eingeschworen, (...) die einzigen freien Menschen dieser Welt zu versklaven. Hier. Jetzt. Haltet Stand. Wo steht das denn? Nein, nicht in einer Image-Broschüre des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Nein, auch nicht im geheimen Tagebuch eines deutschen KSK-Soldaten in Afghanistan. Das ist Herodot. In der Version von Frank Miller. Miller? Frank Miller? Genau der. Der Zeichner der heute schon legendären Comic-Reihe "Sin City" hatte sich schon vor Jahren - um genau zu sein: lange vor 9/11 - an eine Comic-Umsetzung der wohl berühmtesten Geschichte gemacht, die der griechische Erzähler Herodot der Welt überlassen hat - die Geschichte der Schlacht um die Thermophylen.

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Illustration: Julia Schubert

In den Thermophylen, ein Engpass im griechischen Kallidromos-Gebirge, standen im Jahr 480 vor Christus 300 Spartaner dem gesamten persischen Heer gegenüber. Sie hielten den Pass mehrere Tage lang gegen diese Übermacht, bis der letzte Spartaner gefallen war. Die Thermophlyen wurden damit zum Symbol militärischen Heldentums - und zwar in jeder Hinsicht. Denn so heroisch die Tat der Spartaner auch in der Geschichte dargestellt wurde, so eindeutig ist ihr Ausgang: Die Griechen opferten ihre Soldaten für eine schwere Niederlage - die Thermophylen stehen also auch für die Sinnlosigkeit von Heldentum. Legendär sind die Zeilen auf dem Denkmal, mit denen der Schlacht gedacht wurde: "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl." Kampf, Tod und Opfer der 300 Spartaner haben seit der Schlacht immer wieder Menschen fasziniert, Männer vor allem, und so wundert es wenig, dass sich auch der Zeichner Frank Miller dem Thema annahm. Frank Millers Welt ist eine Männerwelt, seine Comics spielen dort, wo die wilden Kerle wohnen, in den Tälern des Testosterons - und in seinem berühmtesten Werk, der Reihe "Sin City", hat er diese Sichtweise auf die Spitze getrieben. Die düsteren Geschichten aus einer Stadt, die allein von Gangstern, Mördern und Prostituierten bewohnt zu sein scheint, 1991 erstmals in den USA erschienen, brachten Miller bald viele Fans, Männer vor allem. Als der Comic dann 2005 verfilmt wurde, war es endgültig soweit: Frank Miller war ein Star.

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Illustration: Julia Schubert

Bei aller Lobhudelei über die markige Macho-Welt in "Sin City", in der gestorben, gesoffen und gevögelt wird, bis Blut spritzt, ging ein wenig unter, dass Frank Miller vor allem etwas ganz anderes ist als Macho-Man - ein richtig guter Zeichner nämlich, der noch dazu die Gabe hat, Geschichten erzählen zu können. Wie gut Frank Miller ist, das zeigt sein Band über die Schlacht bei den Thermophylen, der jetzt bei "Cross Cult Comics" wieder aufgelegt wurde, weil auch er verfilmt wurde und im Frühjahr in die Kinos kommen soll: Miller zeichnet seine Bilder hier weit und groß, wie Leinwände liegen die Seiten, auf denen Miller die Geschichte der Spartaner zu Größe entfaltet - in einem Stil, den man Old School nennen könnte: Miller kann an den verspielten Varianten des Comics nichts finden, er zeichnet klar, wuchtig, direkt, fast ohne Schnörkel. Das macht den Comic schon schön zu lesen, doch dazu kommt bei Miller noch seine Sprache, die so klar, wuchtig, direkt wie die Bilder ist. Der Titel des Comics lautet allein "300", und er beginnt in einem wunderbaren Rhythmus aus Wort und Bild: "Wir marschieren. Aus dem geliebten Lakonien... Aus dem geheiligten Sparta... Marschieren wir. Der Ehre wegen... Des Ruhms wegen... Marschieren wir." Steht im Bücherregal zwischen: „Sin City“, Frank Millers großer Comic-Reihe, und „Im Westen nichts neues“ von Erich Maria Remarque.

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