Textmarker: Der alltägliche Kampf der Jugend

Angestrichen: Ich hab meine ganze Jugend über geglaubt, Worte sind ein Zeichen von Schwäche.
roland-schulz
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Ich hab meine ganze Jugend über geglaubt, Worte sind ein Zeichen von Schwäche. Wo steht das denn? Im Buch des Lebens. Denn nichts anderes legt Manu Larcenet gerade an – ein großes kluges Buch des Lebens, festgehalten in zarten Bildern, überschrieben von einem harten Titel: „combat ordinaire“. Der alltägliche Kampf. So hat Larcenet die Comic-Reihe genannt, in der er die Geschichte des Fotografen Marco erzählt, eines Typen wie du und ich, irgendwie erwachsen, aber dann doch noch nicht, irgendwie jung, aber dann doch nicht mehr, irgendwie anders, aber doch so normal. Wie großartig Manu Larcenet diese besondere Zeit im Leben einfängt, in der man nicht mehr reift, aber noch nicht welkt, haben bereits die ersten beiden Bände des „Alltäglichen Kampfs“ bewiesen. Jetzt aber ist der dritte Band des Comics erschienen – und der ist, nun, was soll man sagen: Wahnsinn. „Kostbarkeiten“ lautet der Titel von Band 3, und dazu zählt er auch, zu den Kostbarkeiten. Larcenet versteht sich in der Kunst, ganz leise Bilder malen zu können, Bilder ohne Worte, ohne Sprechblasen, die in ihrer Stille eine ungeheure Wucht entwickeln. Sicherlich, das können auch einige andere Zeichner, doch was Larcenets alltäglichen Kampf einzigartig macht, ist seine Geschichte – die eben auch deine, meine, unserer aller Geschichte ist, die wir irgendwo vor der Schwelle zum Erwachsensein stehen, oder vielleicht schon drauf, oder vielleicht schon dahinter, wer weiß das schon, diese scheiß Schwelle ist ja so verborgen, womöglich weiß man erst später einmal, als alter Mensch, wann genau man sie überschritten hat.

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Illustration: Julia Schubert

Wenig sollte man von dieser Geschichte erzählen, wie sie in Band 3 erzählt wird, weil sie flüchtig ist wie Rauch, weil sie so zart und zerbrechlich ist, und wer sie wissen mag, der muss diesen Comic einfach selbst lesen. Nur eine Sache, ganz schnell, bevor sie verfliegt: Marcos Vater ist tot, Marco steht vor den Resten seines Vaters Lebens, ein Schuppen, eine Brille, die Kartons mit Korken, denn Marcos Vater hat jeden Korken seines Lebens gesammelt, und dann findet er ein Tagebuch. Darin steht alles. Wie Lorbeerzweige im Feuer duften. Wann ein toter Albatros am Strand lag. Wie viele Tauben mit verkrüppelten Krallen jetzt am Bahnsteig wohnen. Wann die Mäuse ein Nest unter der Treppe gebaut haben. Es war der 1. August 2004. Am Tag darauf schoss sich Marcos Vater eine Kugel in den Kopf. Marco versteht nicht, er ist zornig, er gerät vor Wut in Brand wie eine Fackel. Später sagt seine Freundin nur: „Weißt du, wir hungern immer nach den ganz großen Gefühlen, wollen die einmaligen Seiten des Lebens auskosten. Dein Vater konnte sich scheinbar an den kleinen, alltäglichen Dingen erfreuen… So hat er seinen Leben gelebt…. In Ruhe… (…) Eigentlich hätte ich gerne so einen klaren Blick wie er.“ Steht im Bücherregal zwischen: Den ersten beiden Bänden von „Alltäglicher Kampf“ und Truman Capotes „Grasharfe“. "Der alltägliche Kampf" von Manu Larcenet. Band Drei, "Kostbarkeiten“, 64 Seiten, 13 Euro. Erschienen im Verlag Reprodukt. Abbildungen aus dem besprochenen Band.

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