Textmarker: Der StudiVZ-Bewerbungsratgeber

Stimmt es, dass potentielle Arbeitgeber nach unseren Profilen auf Social Network-Seiten suchen? StudiVZ gibt einen Bewerbungs-Ratgeber heraus und drängt seine User, möglichst viele Daten frei zu geben
lars-weisbrod
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen:"Eine komplett eingeschränkt sichtbare Seite erweckt in einer solchen Phase eventuell den Eindruck, Du wolltest etwas verheimlichen. Eine aussagekräftige und informative Seite kann für einen Personaler überzeugender sein als eine eingeschränkte oder nicht auffindbare Seite" Wo steht das denn? Im "Bewerbungsleitfaden", den die Internetcommunity StudiVZ auf ihrer Seite veröffentlicht hat, als Beitrag für mehr "Sicherheit im Internet". Es gibt seit einiger Zeit ein neues WG-Partygespräch: Personalchefs, die sich bei StudiVZ anmelden, um Bewerber auszuspionieren. Dort, so erzählt man sich, suchen sie nach Saufbildern und Sex-Gruppen, die ihnen als Belege dafür dienen, dass der Delinquent nicht den richtigen Arbeitsethos aufweist, um Teil des großartigen Unternehmens zu werden, als dessen Türsteher der Personaler sich versteht. Wie alle WG-Partygesprächsthemen bewegt sich auch dieses am Rande zur Urban Legend. Jeder kennt zwar einen, der eine kennt, der das mal passiert ist. Wie viele und welche Firmen zu welchen Gelegenheiten einen Blick in StudiVZ-Profile werfen, weiß aber keiner so genau. Und den guten Gedanken, dass solche Methoden, wenn sie denn wirklich Usus sind, denen von Lidl eigentlich recht nahe kommen, äußern auch nur die wenigstens. Auch die StudiVZ-Entwickler scheinen von den Flüsterpostgerüchten gehört zu haben. Sie nehmen die Gelegenheit wahr und spannen die Hysterie der WG-Partygäste vor ihren Karren. Prominent auf ihrer Seite präsentieren sie jetzt eine Anleitung, wie man sein StudiVZ-Profil möglichst stromlinienförmig gestaltet, damit noch der härteste Personalchef keinen Grund findet, die Stirn zu runzeln. Dort weisen sie nicht einfach darauf hin, dass man die Sichtbarkeit des Profils einschränken kann. Von der Möglichkeit, sich einen Fake-Namen zu geben, schweigt man natürlich ganz, denn gegen diese Praxis kämpfen die Entwickler schon seit längerem an. Es gibt andere, wertvolle Tipps: "Du solltest Bilder zeigen, die Dein Engagement, zum Beispiel auf Konferenzen oder bei wohltätigen Veranstaltungen darstellen." Mitgliedschaften in Gruppen, die "ein missverständliches Licht" auf den Bewerber werfen könnten, seien hingegen ein Problem. "Bedenke", heißt es dann, "dass auch Personaler in oben genannten Gruppen Mitglied sein können und Dich in diesem Fall trotz eingeschränkter Gruppensichtbarkeit sehen können." Personalchefs haben, so das kolportierte Bild, also nichts Besseres zu tun, als sich StudiVZ-Profile zuzulegen, Mitglied in Gruppen mit Namen wie "Nacktbilder tauschen unter uns" zu werden und dort nach ihren Bewerbern zu suchen. Höhepunkt der Internetsicherheitsoffensive aus dem Hause StudiVZ ist aber der oben zitierte Tipp: Bloß nicht die Sichtbarkeit der Seite einfach ausschalten! Was sollen die Personaler dann bloß denken? Und wie ihren langweiligen Bürotag herumkriegen? Aber vor allem: Was sollen die StudiVZ-Entwickler machen, wenn ihre Geschäftsgrundlage, auffindbare und verwertbare Profile, weg bricht? Das StudiVZ setzt gerade viel daran, sich auch noch bei denen unbeliebt zu machen, die ihm früher neutral gegenüberstanden. Zum Beispiel, indem die Nutzer mit allen möglichen Tricks dazu gebracht werden sollen, ihre Profile freiwillig mit der Schwesterplattform "MeinVZ" zu verbinden. Der "Bewerbungsleitfaden" lässt auch eher den Eindruck entstehen, als mache man den Bock zum Gärnter, wenn man seine Sicherheitsbedenken in die Hände der Menschen bei StudiVZ legt. Obwohl, ein hilfreicher Hinweis ist doch dabei: "Du solltest Freundschaften mit Fake-Profilen wie 'Gina Wild' oder 'Tom Cruise' vermeiden." Ja, das sollte man wohl. Personalchefs hin oder her.

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