Textmarker: iCool

Angestrichen: «Immer Jüngere schlafen miteinander, die erste Zigarette rauchen viele in der Grundschule, der erste Schluck Alkohol löst bei den Feiern der Zwölfjährigen die Cola ab. Es geht schneller um Sex, Klamotten, Partys und Drogen. Wir sollen sehr jung möglichst alles vom Leben wissen.»
christina-waechter

Wo steht das denn? In „iCool“ von Ric Graf. Ric ist jung, lebt in Berlin und weiß noch nicht so genau, was er mit seinem Leben anfangen will. So geht es vielen jungen Menschen zur Zeit, vor allem in Berlin, vor allem in der sogenannten Medienbranche. Ric macht sich auch viele Gedanken über sich, seine Situation und die seiner Freunde. Das klingt dann nicht immer besonders reflektiert oder überraschend oder schlau oder neu, aber das muss auch gar nicht sein, denn Ric darf ja denken und schreiben, was er will, mit Anfang Zwanzig.

Nicht ganz so in Ordnung dagegen ist es, dass ein renommierten Verlag wie Rowohlt daraus gleich ein Buch macht. Es, ganz dem iPod-Trend hinterher schwimmend, „iCool“ tituliert und die MTV-Moderatorin Nora Tschirner auf dem Buchrücken zitiert, die dem Autor bescheinigt, „entlarvend, ehrlich und zynisch“ die Realität zwischen Latte Macchiato-Gesprächen und Clubabstürzen zu beschreiben. Der Verlag setzt sogar noch eines drauf und wirbt für „iCool“ mit dem Slogan: „Was es heißt, heute jung zu sein - so ticken wir!“ Völliger Quatsch. So ticken vielleicht ehemalige Schülersprecher, die sich dieser Rolle immer noch verbunden fühlen und sich, in Ermangelung einer Schülerschar, für die sie sprechen können, gleich zum Schülersprecher einer ganzen Generation aufmandeln. Dabei hat die das echt nicht verdient. Ric Graf ist kein Autor, er ist, wenn das als Berufsbezeichnung gilt, Tagebuchschreiber. Und sein Buch ist nichts anderes, als ein Auszug aus einem Jahr Tagebuch. Seine Erkenntnisse über das Leben erschöpfen sich in Banalitäten, die schon vor Jahren keinen Menschen interessiert haben. Er schreibt von Treffen mit Freunden, gibt scheinbar tiefsinnige Gespräche wieder, die nichts anderes sind, als postpubertäres Geschwafel am Nachmittag. Kaum einer dieser „Freunde“ taucht in seinem „Buch“ mehr als einmal auf, eine Entwicklung findet nicht statt. Statt dessen reiht sich eine Banalität an die nächste und als Leser wartet man immer besessener darauf, dass bitte auf der nächsten Seite entweder in fetten Lettern steht „Verarscht! Du hast gerade zwei Stunden deines Lebens verplempert! Oder wenigstens einer der verunsicherten Zwanzigjährigen endlich die Maschinenpistole auspackt und ein ordentliches Massaker veranstaltet. Aber nichts davon geschieht. Ric erzählt einfach weiter von diesem so unspektakulären Leben, das für nichts, außer sich selbst steht. Und erklärt seinen geneigten Lesern, wie diese verrückte neue Generation so tickt: „Wir, die Jungen, lassen uns treiben, müssen aber irgendwann auch erkennen, dass dies nicht unsere einzige Aufgabe ist.“ Krass. Natürlich muss man sich nicht über ein schlechtes Buch aufregen, die werden jeden Tag im Dutzend auf den Markt geschmissen. Besonders nervig wird es eben nur, sobald der Autor nicht mehr nur für sich selbst steht und schreibt, sondern sich anmaßt, ein Generationenportrait verfassen zu wollen. Steht im Bücherregal zwischen: dem eigenen Tagebuch von damals, als man noch dachte, jeder Satz, den man niederschreibt, würde eine Welt bedeuten. Und den ganzen anderen Generationen-Schwafel-Büchern, die man von wohlmeinenden Tanten zum Geburtstag geschenkt bekommen hat.

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