"The hotter the waitresses, the weaker the economy"

In New York glaubt man, die Lage der Wirtschaft an der Attraktivität der Kellnerinnen messen zu können.
nadja-schlueter

[b]Angestrichen:[/b] “They slowly let the boys go, then the less attractive girls, and then these hot girls appeared out of nowhere. All in the hope of bringing in more business.“ [b]Wo steht das denn?[/b] In einem Artikel des New York Magazine über den “Hot Waitress Index” zur Messung der wirtschaftlichen Lage. Zitiert wird hier eine Kellnerin an der New Yoker Lower Eastside, die die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf ihre Branche beobachten konnte. New York hat sich seine eigenen Wirtschaftsindikatoren geschaffen. Wen interessieren schon Arbeitslosenzahlen und Firmenumsätze, wenn er auch einfach nachzählen kann, wie viele überqualifizierte Taxifahrer eigentlich gerade unterwegs sind („Overeducated Cabbie Index“) oder wie häufig ihm oder auch einem der überqualifizierten Taxifahrer Autoscheibenputzer vor die Räder springen („Squeegee Man Apparition Index“). Der Autor des New York Magazine-Artikels findet besonderen Gefallen am „Hot Waitress Index“, der besagt: Je schärfer die Kellnerinnen, desto schwächer die Wirtschaft. Das hängt damit zusammen, dass man sich von einer lächelnden Blondine mit strammen Schenkeln lieber ein Sodawasser bringen lässt als von einem griesgrämigen und schlecht rasierten Wirt. Und nicht nur lieber, sondern vor allem auch häufiger. Die Blondine hebt also den Umsatz, daher stellt der griesgrämige Wirt mehr von ihresgleichen ein und entlässt dafür die weniger schönen Frauen. Um deren wirtschaftliche Lage kümmert sich dann erstmal niemand. Und der aufmerksame Gast kann den Zeigefinger heben und sagen: „Aha, der Wirt hat Umsatzeinbußen und versucht jetzt, das Geschäft durch schöne Frauen anzukurbeln, drum muss die wirtschaftliche Lage im Land wohl schlecht sein.“

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Illustration: Julia Schubert

Die erhöhte Nachfrage nach attraktiven Bedienungen spricht sich anscheinend schnell herum. Ein Restaurantbesitzer in Soho bekam sogar Job-Anfragen von Osteuropäerinnen, die zwar bisher mit Lapdance an einem Tag mehr verdienten als eine Kellnerin in einer Woche, doch jetzt wohl ihre Chance auf einen seriösen Beruf sehen. Angestellt wurden sie allerdings nicht, denn neben „Hotness“ gibt es noch den Faktor, der immer hoch im Kurs steht: Kompetenz. Attraktivität allein reicht eben nicht, um stets die Unversehrtheit von Gästen und Gläsern zu gewährleisten. Trotzdem scheint Attraktivität in Krisenzeiten geschäftsfördernd zu sein und das nicht nur in Restaurants. Auch von einer Eigentumswohnung überzeugt einen ein adretter junger Herr schneller als der Zwillingsbruder des oben genannten Wirtes. Aber das war sicher auch vor der Krise so und wird auch nach der Krise noch so sein. Und dann ist da noch die Geschlechter-Frage, die der Artikel aufwirft: Der Autor weist extra darauf hin, dass das Geschlecht eigentlich keine Rolle spielt, und doch heißt es „Hot [i]Waitress[/i] Index“. Und an der Lower Eastside werden nicht nur die weniger attraktiven Mädchen, sondern auch alle Jungen entlassen. Vielleicht sollte man parallel einmal untersuchen, ob sich in Krisenzeiten mehr Männer in den Cafés tummeln als sonst und auch daraus einen Index machen. Wie viel der Waitress-Index taugt, ist fraglich. Vielleicht reagiert er ja wirklich schneller als beispielsweise die Arbeitslosenzahlen, die der wirtschaftlichen Entwicklung meistens hinterherhinken und demnach auch noch dann im Keller wären, wenn der Wirt schon wieder selbst bedient. „Glance at your server and hope for the worst“, rät der Autor uns daher. Wer ganz sicher gehen will, kann ja abwechselnd einen Blick auf die Kellner und in den Wirtschaftsteil der Tageszeitungen werfen.

Text: nadja-schlueter - Foto: dpa

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