Tom Ford und die Brüste

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Angestrichen: Angelina Jolie ... sieht mit ihren gigantischen Lippen und Brüsten aus wie eine Comicfigur. Wir haben angefangen zu vergessen, wie echte Brüste aussehen. Wo steht das denn? In einem Interview, das die Park Avenue mit dem Modemacher Tom Ford führte. In der neuen Edelpublikation des G+J Verlags erklärt der ehemalige Guccidesigner seine fundierten Ansichten zu Mode, Männern und Miederinhalt. Absprechen kann man ihm seine Kompetenz schwerlich, posierte er doch auf dem Cover der letzten Ausgabe des Magazins Vanity Fair mit den gänzlich enthüllten Schauspielerinnen Kheira Knightley und Scarlett Johansson. Mit Kassandrablick also warnt Ford vor der Fiktion aus Silikon. Die Echtheit ist uns verloren gegangen durch den imaginären Reichtum der Oberflächlichkeit. Aber kritisiert er diese Tatsachen auch? Immerhin ist Ford, der Erfinder des Massen-Luxus (Park Avenue über Ford), stark involviert in die inhaltsleeren Sphären des internationalen Celebrityzirkus. Auffällig ist hier vor allem der allegorische Blick auf Hollywoodaktrice Jolie. Falls der Designer seine Missgunst kundtun möchte, ist der Vergleich mit einer Comicfigur jedoch schlecht gewählt. Die Bezeichnung Comicfigur besitzt schon lange kein abwertendes Moment mehr. Vielmehr wird der gezeichnete Held zum Vorbild. Fritz the Cat als Symbol der Revolution der frühen Siebziger. Das pistolenbestückte Tank Girl und Lara Croft in den Neunzigern. Weniger Projektionsflächen schmutziger Männerfantasien als Bilder (sic!) starker Frauen? Endgültig ad absurdum geführt wird Fords Äußerung jedenfalls, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es doch zu Jolies dramaturgischen Höchstleistungen zählte, eine Comic- oder Computerspielprotagonistin darzustellen. Einzig die Wahl des Adjektivs lässt auf eine distanzierte Auseinandersetzung mit der Problematik schließen. Die Wahl der Hyperbel als Stilmittel lässt den Leser ein wenig schaudern, ob der Vorstellung von Geschlechtsmerkmalen, die ins Gigantische wachsen, ja sich aufblähen und der Realität die Luft nehmen. Zu beachten ist auch der zweite Teil des Zitats - „Wir (...)vergessen.“ Man ist sich nicht sicher - will der Meister des Schnittmusters mit einem Pluralis majestatis auf seine Vorsehungsgabe aufmerksam machen. Oder nur auf die Verbundenheit mit seinen Geschlechtsgenossen und auf den unter ihnen vorherrschenden Gedächtnisschwund hinweisen. Symptomatisch das Zitat in einer Zeit, in der die Menschen wieder verstärkt eine Sehnsucht nach dem Wahren und Schönen verspüren. Seien es zwischenmenschliche Bindungen oder Oberweiten. Hoffnung und Mut macht jedoch Fords einschränkende Bemerkung. Man habe erst angefangen zu vergessen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät – sich zu erinnern. (Fotos: AP)

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