“Um Dinge zu erfinden, muss man sie sich vorstellen können”

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Angestrichen:
“Wenn man beim Supermarkt an die Glastür herantritt, geht sie auf. Niemand öffnet sie. Sie geht von alleine auf. Fast wie im Raumschiff Enterprise, es fehlt nur noch der ‘Wuuuusch’-Sound. Das ist kein Zufall. Touchscreens und Tablets sah man zuerst in „Star Trek“. Tragbare Speicher als USB-Stick kennen wir auch davon. Beamen, Phaserkanone und Photonentorpedos haben wir noch nicht, aber „Star Trek“ beeinflusst die Realität enorm. Das alles liegt daran, dass „Star Trek“ fast zehn Jahre lang im Fernsehen lief. Diese Zeit war die Kindheit der Menschen, die heute im Silicon Valley und anderswo Dinge erfinden. Um Dinge zu erfinden, muss man sie sich vorstellen können.”

Wo steht das?
In einem Gastbeitrag, den Felix von Leitner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben hat. Von Leitner hat eine Beratungsfirma für IT-Sicherheit und schreibt unter dem Namen “Fefe” ein Blog, in dem er Medien, Politiker, Unternehmen und vor allem Sicherheitsbehörden immer wieder scharf kritisiert.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

NSA-Chef Keith Alexander und Enterprise-Chef Captain Kirk

Und was bedeutet das?
Von Leitner beschreibt in seinem Text, wie sehr die digitale Welt, in der wir leben, durch Science-Fiction geprägt wurde. Der Microsoft-Mitbegründer Paul Allen besitzt den Sessel von Captain Kirk. NSA-Chef Keith Alexander hat im Hauptquartier des Geheimdienstes eine Kommandobrücke nach dem Vorbild von “Raumschiff Enterprise” bauen lassen, inklusive Türen mit Wuuuusch-Sound. Über die Idee zum Artikel in der FAZ schreibt von Leitner in seinem Blog: “Wenn man verstehen will, warum Leute Dinge tun, ist der beste Weg immer, deren Selbstbild zu verstehen.” Mit der Star-Trek-Theorie lasse sich erklären, wie die Datensammelwut von Google mit dem Unternehmsmotto “don’t be evil” zusammenpasst. "Star Trek" sei nicht nur eine technologische, sondern auch eine gesellschaftliche Vision. Es gebe keine Privatsphäre, die Computer würden alles aufzeichnen und alle Informationen sammeln. Dennoch zeige "Star Trek" eine positive, erstrebenswerte Zukunft.

Diese Theorie rechtfertigt oder entschuldigt natürlich nicht umfassende Überwachung, die die NSA und andere Geheimdienste mit Hilfe von Unternehmen wie Google und Microsoft aufgebaut haben. So meint von Leitner es auch nicht. Aber bewusst oder unbewusst, behauptet er, wären die Architekten der Datenkontrolle stark von “Star Trek” beeinflusst.

Überwachungsegner beziehen sich dagegen gern auf George Orwells Roman “1984”.  Wie in "Star Trek" gibt es dort eine totalüberwachte Gesellschaft - nur ist diese Gesellschaft bei Orwell alles andere als erstrebenswert. Eine Gedankenpolizei überwacht darin jeden Bürgern mit Teleschirmen. Abweichler werden ins Ministerium für Liebe gebracht, gefoltert und erschossen. Aber irgendwie zieht dieses “1984”-Ding nicht. Seit Jahrzehnten wird das darin an die Wand gemalte Schreckenszenario einer vollständigen Datenkontrolle zitiert, und doch wird unsere Welt der darin beschriebenen immer ähnlicher.

Kommunikationsstrategen wissen, dass man mit Negativbildern meistens nicht gut fährt. Es reicht nicht, sich über die NSA zu empören und vor dem Großen Bruder zu warnen. Dystopien gibt es genug, was es viel mehr bräuchte, wären Utopien. Wer nicht in der Totalüberwachung leben möchte, muss sagen, wie die Alternative aussehen könnte. Damit die Bastler im Silicon Valley wissen, worauf sie hinarbeiten können. Wie könnte eine Welt aussehen, in der technologischer Fortschritt unser Leben erleichtert, und wir trotzdem unsere Freiheit und Privatspähre bewahren? In der uns nicht jede Entscheidung von Algorithmen abgenommen wird, die wir nicht durchschauen können? In der Computer lästige Arbeit für uns erledigen, ohne dass unsere Souveränität dabei auf der Strecke bleibt?

Die Star-Trek-Theorie besagt: Man muss kein Ingenieur oder Informatiker sein, um diese Welt mitzugestalten. Man muss nicht programmieren können, man muss die Dinge, die man sich ausdenkt, nicht bauen können. Man braucht nur Fantasie. Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry arbeitete als Pilot und Polizist, bevor er Drehbuchautor und Produzent wurde. Dennoch hat er das digitale Zeitalter entscheidend geprägt.

Text: christian-endt - Foto: Bloomberg/Youtube

  • teilen
  • schließen