Und ewig droht der Ausländer

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Angestrichen: Ist der Hass dieser jungen Ausländer auf den deutschen Staat wirklich so groß? Warum können die das „Nein“ eines Türstehers nicht ertragen? Warum wollten sie ihm den Schädel spalten? Glauben die, dass sie mit Gewalt gut durchs Leben kommen? Dass sie sich durchschlagen können? Warum fassen einige von ihnen deutschen Mädchen in den Schritt, während die eigenen Schwestern nicht einmal angeguckt werden dürfen? Warum rufen sie „deutsche Fotze?“ Warum? Wo steht das denn? Auf Seite 17 der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit, im Dossier.

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Illustration: Julia Schubert

Wer hat das geschrieben? Stephan Lebert und Stefan Willeke, so genannte Edelfedern und zuständig für ausufernde Reportagen bei der Zeit. Und worum geht’s jetzt? Nach Angabe des Mediums handelt es sich bei dem Dossier um einen „Frontbericht vom Pausenhof“ wo angeblich große „Sehnsucht nach Autorität“ herrscht. In erster Linie treten darin „jugendliche Ausländer“ und „ausländische Kinder“ auf, sowie ihre deutschen Antagonisten aus dem Establishment: Lehrer, Sozialpädagogen, Polizisten und eine Jugendrichterin. Die Kampfzone befindet sich selbstredend in Berlin-Neukölln. Dort verprügeln junge Türken nämlich offenbar regelmäßig deutsche Respektspersonen. Kein Lehrer, auch kein Polizist und erst recht nicht die Sozialarbeiter sind sicher vor ihnen. Und weil sich niemand in Neukölln zu helfen weiß und sogar gestandene Alt-68er nach Zucht, Ordnung und hartem Durchgreifen rufen, werden jetzt Grenzen gezogen, vor allem an den Schulen, um die „schulfremden Jugendlichen“ heraus zu halten. Dies beschrieben die Autoren auf drei Seiten, die nur zur Hälfte aus journalistischer Reportage bestehen. Der Rest sind pathetische rhetorische Fragen, Kolportage und eine heiße Nummer mit Boulevardzeitungssprech der unangenehmsten Sorte. Auftritt Önder Öztürk, der sich beim Sicherheitsdienst Germania um einen Job als Schulwachmann bewirbt. Als Experte für Migrationsprobleme, weil ja selbst Türke, vertraut er den Reportern an: „Deutschland hat zu viele Ausländer reingelassen, viel zu viele.“ Während er auf seinen zukünftigen Vorgesetzten wartet, legen ihm die Autoren folgende Gedanken in den Kopf: „Was mag das für ein Mann sein, dieser Herr Hübner, der in der Wachschutzfirma Germania die Geschäfte führt? Ein einflussreicher Mann muss das sein. Seine Leute beschützen ja auch diese wuchernde Behörde hier, das Haus mit den Presseleuten der Bundeskanzlerin.“ Ein unbedarfter Typ muss das sein. Dieser Einwanderer Öztürk, der nicht mal weiß, wie das Gebäude heißt, in dem er sich befindet. So macht man sauberen Suggestivjournalismus. Jedenfalls stemmt sich der Mann laut Text ab jetzt gegen die brutalen Schläger. Im jetzt.de- betonte Öztürk übrigens vor kurzem erst, dass er in seinem neuen Job wenig bis nichts zu tun habe. Weiter geht es mit dem Polizisten Michael Müller. Er wurde halb zu Tode geprügelt, nachdem er mit den Worten „Halt! Polizei!“ eingriff, als bei einem Schulfest seines Sohnes „die Türken auf die Oberstufenschüler“ losgingen. Seitdem stellt er sich scheinbar die oben angestrichenen schweren Fragen. Das schreiben die Autoren so, auf Zitate verzichten sie allerdings. Als dritter im Protagonistenbunde tritt der Täter auf: Eren, 18, hat einen Schrank voll dunkler T-Shirts, „die ihn die entscheidende Spur finsterer aussehen lassen“. Er giftet seine Mutter an, wenn die etwas von ihm will. Er hängt den ganzen Tag im Internet, spielt gerne Counterstrike und geht regelmäßig zum Boxen. Klingt nach einem ziemlich typischen, langweiligen Spätadoleszenten. Führt aber laut Zeit-Dossier direkt in die gefährliche Schlägerexistenz. Die Autoren bemühen sich, wirklich jede Facette abzudecken, inklusive der bedrückenden Perspektivlosigkeit der Migrantenkinder in Neukölln. Diese führen sie durchaus auch auf deren eigenen Unwillen zurück: Sie könnten nämlich eigentlich alle Polizisten werden. „Berlin bemüht sich seit Jahren, junge Türken und Araber in den Polizeidienst zu holen, aber es finden sich kaum Bewerber. (…) Wirft der Gemüseladen des Onkels so viel mehr ab? Ist das so viel attraktiver als ein Polizistenleben?“ Eigentlich könnte man diese Frage einmal allen Arbeitslosen der Republik stellen. Was beschweren die sich über Hartz IV? Wieso werden sie nicht alle Polizisten? Alle paar Absätze warnen Lebert und Willeke davor, es sich bei diesem Thema zu leicht zu machen. Doch ist ihr Text alles andere als eine sachliche Bestandsaufnahme. Die Haltung der Autoren schreit einem schon entgegen aus dem dualen Prinzip, dass der Text aufmacht: Hier die schwierigen, sperrigen Ausländer, da die hilflosen Deutschen, die es doch nur gut meinen. Hinzu kommt, dass sie an jeder Stelle, wo ein bisschen Analyse gefragt wäre, schmalzig und unsachlich werden. So machen sie es sich schrecklich leicht und die Zeit leistet diese Woche leider entgegen aller Bekundungen leider keinen Beitrag zu einer wichtigen Debatte. Sondern lediglich einen weiteren Beleg für die Boulevardisierung der seriösen Medien.

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