Unterwegs mit Musikern der Indieszene

Angestrichen: Ach ja, ansonsten habe ich noch Unrat gemalt.
hannes-kerber

Wo steht das denn? Unter dem Bild des Maroon 5-Gitarristen James Valentine. Das Bild heißt „Bill“ und zeigt Valentines eigene Zukunftsvorstellung: einen aufgedunsenen Brillenträger namens Bill, in dessen Augen man eine Verzweifelung entdeckt, die von Träumen spricht, die nie realisiert werden konnten. „Im Moment fühle ich mich nicht wie Bill. Doch ich habe durchaus Angst, dass ich eines Tages so werden könnte“, schreibt der Musiker. Dieses Bild wiederum findet man in dem Skizzenbuch „Unterwegs“, das von Silke Leicher und Manuel Schreiner herausgegeben wurde. Die beiden Autoren sind an Musiker der Indieszene, die gerade auf Tour waren, herangetreten und haben sie gebeten, ihre Eindrücke vom Unterwegssein aufzuzeichnen. Die einzigen Utensilien, die zur Verfügung standen, waren Bleistifte, Buntstifte, Filzstifte, Wachskreide und ein Blatt Papier. Viele der Musiker zeichneten Orte ihrer Kindheit oder Plätze, an denen sie sich gerne aufhalten. Oasis-Lead-Gitarrist Noel Gallanger hat etwa ein lachendes Smilie gezeichnet, das Ibiza symbolisiert, wo er ein Haus besitzt. Einige andere beschäftigten sich mit Traumata, Ängsten, Sinnkrisen oder der Hygiene in Tourbussen.

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Illustration: Julia Schubert

Das Coverbild: "Meine Höhle" von Adam Green. Foto: Rockbuch Bevor man liest, welche Geschichte hinter „Traum und Wirklichkeit“, dem Bild von dem Life of Agony-Bassist Alan Robert, steckt, kann man schon etwas davon spüren, was das Bild sagen will. Eine schematisch und comichafte gemalte Figur sitzt auf einem Sitzt in einem Bus, blickt zu Boden und lässt die Schultern hängen. Die Augen sind gerötet, aber man kann keine Tränen sehen, die über das Gesicht laufen. Die Hände liegen verloren und hilflos auf den Knien. „Eines Tages wachte ich morgens auf und beschloss, nicht zum Unterricht zu gehen“, steht unter dem Bild. „Ich hatte nämlich einen (…) sehr realen Traum, in dem meine Freundin mich betrügt. Als ich sie am selben Tag mit meinem Vorwurf konfrontierte, meinte sie nur lapidar: ,Ja, das stimmt.’“ Auf dem Bild befindet sich Alan auf dem Weg nach Hause. „Das war mein erster Traum, der Realität geworden ist“. Durch diese intimen Momente, die mal eindringlich und liebevoll, mal aber auch flüchtig und wie im Vorbeigehen geschildert und gezeichnet sind, bekommt das Projekt einen Sinn. Nur weil der Zugang der beiden Autoren zu den meisten Musikern so gut war, dass diese schöne und schlimme, aber immer sehr private Erinnerungen aufzeichneten, hat man Spaß dieses Buch zu lesen. Es funktioniert, die Vielfalt darzustellen, weil jeder eine andere Geschichte erzählt, aber eben auch weil Greg Gilbert von The Delays oder Ducan Lloyd von Maximo Park großartige Zeichner sind und weil Howie Day oder Nick Jago von dem Black Rebel Motorcycle Club es nicht sind. Nur wenn man die 106 Bilder, die hintereinanderstehen und von dem Lebensgefühl „on the road“ erzählen, als Ganzes sieht, kann man die einzelnen Skizzen zu einem Gesamtbild zusammenfügen. „Ich hoffe“, schreibt Paul Smith von Maximo Park in dem Vorwort, „dieses Buch vermittelt Ihnen etwas von unserem Leben.“ Steht zwischen: Der zerfledderten Ausgabe von Jack Kerouacs „On the Road“, der „Easy Rider“-DVD und dem Walter Salles Reisefilm „The Motorcycle Diaries - Die Reise des jungen Che“. Skizzenbuch: Unterwegs. 100 Originale von Musikern aus der Indieszene, herausgegeben von Silke Leicher und Manuel Schreiner, 328 Seiten, 19 Euro 90. Erschienen im Rockbuch Verlag.

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