US-Einzelkämpfer und GB-Kollektive

Die größten Solokünstler der Welt stammen aus den USA, die größten Bands aus Großbritannien. Diese These vertritt zumindest ein Autor des "Atlantic". Stimmt das denn?
nadja-schlueter

Angestrichen:
„The biggest bands in the world are British, and the biggest solo artists are North American.“  

Wo steht das?
In einem Artikel vom Andrew Wallace Chamings auf der Webseite des "Atlantic", der sich mit der Frage beschäftigt, warum die kommerziell erfolgreichsten Solokünstler aus Nordamerika, die kommerziell erfolgreichsten  Bands aber aus Großbritannien kommen.  

Was genau steht drin?
Der Autor belegt seine These anhand von Wikipedia. Klingt erst mal etwas unseriös, aber das, was er herausstreicht, sticht tatsächlich ins Auge: In der Liste der Künstler, die am meisten Platten verkauft haben, finden sich unter den ersten zwanzig zehn Bands und zehn Solointerpreten. Acht der Solokünstler kommen aus Nordamerika, hauptsächlich aus den USA, darunter Madonna, Michael Jackson, Celine Dion, Frank Sinatra, Barbara Streisand und Mariah Carey. Acht der zehn Bands kommen nicht aus Nordamerika, so zum Beispiel die Beatles, Led Zeppelin, U2, Queen, die Rolling Stones, ABBA und Pink Floyd. Die Mehrheit der Bands ist zudem britisch, die hier aufgezählten alle mit Ausnahme von U2 und ABBA.  

Auf die Frage, warum das so ist, findet Andrew Chamings zwei mögliche Antworten. Die eine, die er für wahrscheinlicher hält, ist auch die einfachere: Die Liste wird von den Beatles und Elvis angeführt. Sie haben den Grundstein für alles gelegt, was danach kam. Die Künstler in Europa eiferten den Beatles nach. Bono und Freddy Mercury wollten gerne Teil einer Band sein, herausgekommen sind dabei U2 und Queen. Die Künstler in Nordamerika träumten vom Solokünstlererfolg à la Elvis Presley, dieser Traum brachte Madonna und Michael Jackson hervor. Chamings merkt außerdem an, dass US-Bands, die in ihrer Heimat erfolgreich waren, zuerst in Großbritannien bekannt wurden, bis man sie Zuhause überhaupt bemerkte. Als Beispiel nennt er die White Stripes, die Strokes und Kings of Leon.

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Illustration: Julia Schubert

Mit Elvis und den Beatles belegt der Atlantic-Autor seine These vom US-Einzelkämpfer und dem GB-Kollektiv

Seine zweite Erklärung für das Phänomen fußt auf kulturellen und politischen Unterschieden: Die USA sind als Land der Individualisten bekannt, die Menschen halten am American Dream und an der from-rags-to-riches-Möglichkeit fest. Die Solokünstler entsprechen diesem Prinzip. Elvis, Madonna und Michael Jackson (der ja eigentlich Teil einer Band war, bevor er als Solokünstler aufgebaut wurde) kamen aus ärmlichen Verhältnissen. Sie sind die großen Vorbilder und Aushängeschilder, mit denen die USA sich und der Welt beweisen können: „Der American Dream kann wahr werden, wenn man nur hart genug dafür kämpft!“ Die beiden erfolgreichsten britischen Solokünstler hingegen, Phil Collins und Elton John, entsprechen nicht dem Bild des Einzelkämpfers, der sich hochgekämpft hat, da sie beide in einem privilegierten Umfeld aufgewachsen sind. Europa, so der Autor, sei eher nach links und dem Kollektiv geneigt, darum sind hier Bands erfolgreicher. Das “rechteste“ Genre, die Country-Musik, bestätigt diese These seiner Meinung nach, denn die 25 erfolgreichsten Acts aller Zeiten waren Solokünstler.  

Und was heißt das jetzt?
Soweit klingt das alles sehr plausibel. Allerdings manövriert sich Chamings um die Gegenbeispiele geschickt herum. Unter den Top 20 sind nämlich zum Beispiel auch die Eagles und die kommen aus den USA. Aber der Autor wischt sie beiseite, indem er sagt, die seien doch oft einfach nur belächelt worden. Wenn das als Gegenargument zählt, dann müssten auch einige andere, vor allen Dingen einige der Solokünstler, aus der Liste gestrichen werden. Und dann gab es da noch Nirvana und Guns’n’Roses. Nirvana, schreibt Chamings, wollten überhaupt nie so groß werden. Auch das ist kein besonders überzeugendes Argument. Allerdings spricht gegen die Aufnahme beider Bands in die Statistik ihr kommerzieller Erfolg: In die Top 20 der Wikipedia-Liste haben sie es eben nicht geschafft.  

Vielleicht ist das überhaupt der Punkt, an dem die ganze schöne These ins Wanken gerät: Der Kommerz. Möglicherweise lernen wir aus dieser Liste einfach nur, wer wo wie gefördert wird. Und egal, ob Michael Jackson nun Elvis nachstrebte und U2 den Beatles, die Musikindustrie und ihre Vorstellungen trugen wohl am Ende mehr zu Erfolg und Misserfolg bei als die Wünsche der Künstler. Einen Beleg dafür liefert Chamings selbst: Viele amerikanische Bands trugen einfach den Namen ihres Frontmanns oder ihrer Frontfrau: Buddy Holly and The Crickets oder Diana Ross and The Supremes (die vorher nur „The Supremes“ hießen und dann vom Label umbenannt wurden). Dann liegt der Unterschied auch nicht in einem ursprünglichen Kollektivismus oder Individualismus, sondern in dem, woran die Macher der Musikindustrie uns gewöhnt haben.  

Was auffällt, je weiter man die Liste der meisten Plattenverkäufe hinunterwandert: Großbritannien ist immer seltener vertreten, die Vormacht der USA ist groß – auch bei den Bands. Da tauchen dann die ganzen Namen auf, die man in der Gegenrede zur Solokünstler-These erwartet hätte: Metallica, Bon Jovi, die Beach Boys, Kiss, R.E.M, die Doors. Hier könnte man höchstens noch darüber nachdenken, ob amerikanische Bands stärker auf das Prinzip des Frontmanns beziehungsweise der Frontfrau bauen und europäische eher auf das Image als Kollektiv. Der einzige deutsche Beitrag in der Liste ist übrigens ebenfalls eine Band: Die Scorpions. Auf Platz 89.

Text: nadja-schlueter - Foto: dpa

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