Viel Gewalt und kein Ohrenschmalz

Erst wurden Facebooks teils skurrile Filterrichtlinien öffentlich gemacht, jetzt kündigt Tumblr die strengere Kontrolle von Inhalten an: Zwei Beispiele dafür, was im Netz erlaubt ist und was nicht.
nadja-schlueter

Angestrichen:
 „Think like that there is a sewer channel, [...] and all of the mess/dirt/ waste/shit of the world flow towards you and you have to clean it."
und
„People being people, though, that means that Tumblr sometimes gets used for things that are just wrong."

Wo steht das?
Das erste Zitat stammt aus dem US-Blog Gawker und ist das Statement eines Facebook-Moderators, der dafür zuständig ist, von Nutzern gemeldete Inhalte des Netzwerks zu prüfen. Das zweite Zitat findet man in einer Ankündigung des Mikroblogging-Anbieters Tumblr, der sich entschieden hat, zukünftig Blogs zu löschen, die selbstverletzendes oder –schädigendes Verhalten fördern.

Und worum geht es?
Um die Filterung von online-Inhalten. In der vergangenen Woche hat zunächst Facebooks Politik in diesem Bereich einiges Aufsehen erregt, nun meldet sich Tumblr mit neuen Richtlinien. Der Unterschied ist, dass man bei Facebooks etwas ratlos vor einem sehr großen, sehr verwinkelten Regelkatalog steht, Tumblrs Filtervorstoß hingegen der erste dieses Anbieters ist.

Die erste aktuelle Filtergeschichte geht so: Amine Derkaoui ist 21 Jahre alt und kommt aus Marokko. Er hat in der Vergangenheit für „oDesk" gearbeitet, ein Unternehmen, an das Facebook die Moderation der von Nutzern gemeldeten Inhalte vergeben hat. Für 1 $ pro Stunde (plus Provision) prüfen die Moderatoren die Meldungen und löschen sie, geben sie wieder frei oder aber „eskalieren" sie und melden sie so Facebook selbst. Damit sie entscheiden können, ob zum Beispiel ein Kommentar mit sexuellen Anspielungen oder ein Foto einer Verletzung gelöscht werden muss, hat Facebook den Moderatoren einen Kriterienkatalog an die Hand gegeben. Und eben diesen Katalog hat Derkaoui in seinem Ärger über die schlechte Bezahlung nun an Gawker übergeben und öffentlich gemacht.
 

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Illustration: Julia Schubert

Hingucken verboten!

„Facebooks Welt ist politisch korrekte amerikanische College-Kultur plus US-Recht plus ein paar Sonderregeln für Deutsche und Türken", fasst Spiegel Online das moralische Gerüst des Netzwerks zusammen, das man anhand der Zensur-Richtlinien erkennen kann. Natürlich gibt es auch selbstverständliche Verbote wie beispielsweise das von Kinderpornographie, andere Aspekte stoßen auf weniger Verständnis. Schon vor der Veröffentlichung bekannt war die Zensur von Fotos stillender Mütter, wenn darauf deren Brüste zu sehen sind. Weibliche Nippel sind bei Facebook verboten – männliche allerdings, kann man nun nachlesen, gehen in Ordnung. Die Darstellung von Sex ist in jeder Form verboten, auch, wenn weite Teile des Körpers bedeckt sind, das Vorspiel allerdings („Kissing, groping, etc.") darf man zeigen. Bei Gewalteinwirkungen auf den Körper ist man weniger streng als beim Sex: Fleischwunden oder zertrümmerte Schädel und Gliedmaßen sind okay, „as long as no insides are showing". Bilder von Rotze gehen auch in Ordnung, ansonsten sind fast alle Körperflüssigkeiten verboten – einschließlich Ohrenschmalz.

So könnte man seitenweise skurrile Regelungen aufzählen und dabei fast vergessen, dass sich weltweit Menschen für einen Dollar die Stunde darum kümmern, dass sie eingehalten werden und dabei, wie das einleitende Zitat beweist, einiges ertragen müssen. Diese dunklen Ecken und menschlichen Abgründe auszuleuchten ist mit Sicherheit einer der schwersten Jobs im Netzzusammenhang. Ein Moderator, berichtet Gawker, habe es nur drei Wochen lang ausgehalten: „'Pedophelia, Necrophelia, Beheadings, Suicides, etc,' he recalled. ‚I left [because] I value my mental sanity.'"

Um die dunklen Netzecken geht es auch in der zweiten aktuellen Filtergeschichte. Tumblr ist eigentlich dafür bekannt, dass auf den Blogs des Anbieters fast alles erlaubt ist. Gegen Spam und die Verletzung des Persönlichkeitsrechts wird zwar vorgegangen, aber gegen pornographische Inhalte zum Beispiel nicht. Nun will Tumblr allerdings doch einen Themenbereich filtern: selbstverletzendes und –schädigendes Verhalten. Das bekannteste Beispiel dafür ist wahrscheinlich die „ProAna-Bewegung", die in Foren und auf Blogs Magersucht glorifiziert.

Tumblr widerspreche den Ansichten und Botschaften selbstschädigender Blogs aufs Schärfste, heißt es in der Ankündigung, und habe sich daher für eine überarbeitete Inhaltsrichtlinie entschieden. Die Nutzer, die Blogs mit dem betreffenden Inhalt führen, sollen aber eine „Gnadenfrist" bekommen, um ihre Seite selbst an die neuen Richtlinien anzupassen. Außerdem werden bei der Suche nach bestimmten Stichworten wie beispielsweise „proana" oder „anorexia" zukünftig Hinweise auf einschlägige Hilfsorganisationen eingeblendet. Tumblr will ab kommender Woche mit der Durchsetzung der neuen Regelung beginnen und bittet die Nutzer um Feedback. Viele haben unter der Ankündigung ihre Zustimmung kundgetan.

Tumblr betont, stets genau zwischen ernsthaften und ironischen oder humoristischen Beiträgen unterscheiden zu wollen: „For example, joking that you need to starve yourself after Thanksgiving or that you wanted to kill yourself after a humiliating date is fine, but recommending techniques for self-starvation or self-mutilation is not." Das klingt plausibel, wird aber sicher nicht in allen Fällen einfach sein. Ein gewisses Maß an Filterung und Kontrolle ist auf Plattformen und in Netzwerken nützlich, um vor allem minderjährige Nutzer zu schützen. Doch wie schwieriges ist, Richtlinien zu finden, die jedem einleuchten und die vor allem von den unzähligen Mitarbeitern, die damit arbeiten, gleich interpretiert werden, sieht man am Facebook-Katalog.

Text: nadja-schlueter - Foto: Aloha! / photocase.com

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