Vom Baumwoll-Pflücker zum Goldgräber – John Peels Memoiren

Angestrichen: Seit ich sagen wir: soo groß bin, habe ich immer wieder behauptet, dass der Augeblick, als ich zum ersten mal Elvis im Radio gehört habe, der bestimmende Moment meines Lebens gewesen ist.
tobias-feld
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? In der Autobiographie von John Ravenscroft, in der er den Quell seiner Liebe zur Pop-Musik beschreibt und die ersten Schritte seiner Kariere als Radio-DJ nachzeichnet, die ihn später als John Peel zur Legende werden ließen. Das wohltuende an Legenden ist ja, dass sie aus der Nähe betrachtet wieder Mensch werden. Liebenswerte, oder gänzlich unsympathische Züge gewinnen. In jedem Falle bricht ihre überzeichnete Oberfläche; sie dampfen auf ihr wahres Ich ein. Nun ist es den wenigsten vergönnt, eine Ikone leibhaftig kennen zu. Für den Blick in die Facetten einer Pop-Ikone bleibt da nur: die Biographie. Oft trivial. Oft verklärend. Hier jedoch ein Kaleidoskop, in das Leben des englischen Radio-DJ’s John Peel. Zwei Jahre nach seinem plötzlichen Tod erscheint nun seine Biographie. Eine Ansammlung liebreizender, herrlich naiver und schamloser intimer Anekdoten. Die Essenz: John Peel's Passionen kreisen vor allem und drei Dinge: Frauen, Fußball und seine Obsession, 7“-Vinyl zu horten, immer in der Hoffnung, das großartig Unentdeckte zur Popularität reifen zu lassen. In einem seiner letzten Interviews erzählte John Peel denn auch dem Pop-Magazin Spex: „Ich wollte einfach nur DJ sein“ John Peel war ein Autodidakt. Per se gegen jede Form von Autorität gebürstet. Den größten Raum in seiner Biographie nimmt denn auch seine wohl prägenste Zeit ein: im Internat und anschließend beim Militär. Zeiten voll permanenter Demütigung und Peinigung, gekennzeichnet durch eine schreckliche Vergewaltigung im Internat im englischen Shrewsbury. “Heatbreak Hotel” hatte etwas Furchteinflössendes, etwas unzüchtig Animalisches das ernsthaft außer Kontrolle geraten war, und obwohl ich Elvis zutiefst beunruhigend empfand, wollte ich doch mehr.“ erzählt John Peel über seine musikalische Sozialisation. Er war also neu geeicht und vom King of Rock’n’Roll infiziert, stand damit aber gar nicht so allein da, Mitte der 1950er Jahre. Zwar immer mit einem gewissen Hang zur Lückenhaftigkeit, aber nicht minder charmant zeichnet John Peel seinen Weg durch die Vereinigten Staaten von Amerika nach, in die es ihn Anfang der 1960 Jahre zunächst zum schlichten Broterwerb als Baumwollpflücker verschlug, der ihn letztendlich aber doch in den Schoß der damals ziemlich halsstarrigen BBC trieb. Dazwischen wartet als Wegmarke ein kruder erster bezahlter Radio-Job als Beatles-Experte – nur weil John auch aus Liverpool stammte, oder wieder zuhause in London, eine Heuer bei den damals schon ausgesprochen beliebten Pirates, den Piraten Sendern. John Peel Vermächtnis ist die Räuberleiter, die uns Jahrzehnte den Blick über den Tellerrand ermöglichte. Unzählige Bands und Künstler zierten seinen Weg. Unzählige Freundschaften entsponnen sich dank seines großherzigen Verständnisses, über Jahre etablierten und unbekannten Künstlern seine Gastfreundschaft feil zu bieten. Zahlreiche amüsante Anekdoten aus den stilbildenden John-Peel Sessions, die zuerst in Maida Vale, später bei ihm zuhause stattfanden, finden sich abschließend ebenso in seiner Biographie, wie die Huldigung für John Peel’s bedeutensten Menschen, seiner zweiten Ehefrau Sheila Ravenscroft, die auch die unvollendete Biographie zuende führte: „Die Gefahr bei dem Buch besteht darin, dass es in eine einzige Lobeshymne auf Sheila ausartet, aber ohne sie gäbe es ohnehin kein Buch, das sich zu schreiben lohnen würde.“ John Peel’s Biographie ist trotz aller teils überzeichneter Befindlichkeiten, der Resonanzköper für eine Radiostimme, deren Wirken nicht hoch genug eingeschätzt werden darf. Steht im Bücherregal zwischen: Thomas Meinekes „Musik“ und Irvine Welsh „Trainspotting“ Memoiren des einflussreichsten DJ’s der Welt von John Peel, übersetzt von Christoph Hahn, 558 Seiten, 24,90 Euro ist bei Rogner & Bernhard erschienen.

  • teilen
  • schließen