Wilde Typen mit Schreibdrang

Cover: Piper Verlag Angestrichen: Sonderbare Gipsköpfe stehen in dem Zimmer hinter der Tür.
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Illustration: Julia Schubert

Cover: Piper Verlag Angestrichen: Sonderbare Gipsköpfe stehen in dem Zimmer hinter der Tür. Von einem Regal starren sie mit pupillenlosen Augen in ein Nichts. In der Ecke ein schmales Bett mit dunkler Tagesdecke. Hunderte Bücher füllen die Borde und Simse. Auf einem kleinen Tisch liegen Notizen und eine Tüte mit Feigen, an der Wand steht ein massiver Schreibtisch aus Mahagoni. Darüber klebt ein Zettel: „Bleib treu den Träumen deiner Jugend.“ Wo steht das denn: In „Wilde Dichter“, einem Buch, das sechs Schriftsteller vorstellt: Herman Melville, Jack London, Stephen Crane, Joseph Conrad, Ernest Hemingway und B. Traven. Diese sechs vereinen ungewöhnliche Leben. Abenteuer. Wie Hermann Melville, der mit 19 Jahren seine Heimat verlässt und sechs Jahre später als braungegerbter, bärtiger, breitschultriger Seemann mit lumpigen Klamotten heimkehrt. Vorher hat er als einfacher Matrose den Atlantik überquert, war als Walfänger, „zu jener Zeit einer der härtesten Jobs überhaupt“, durch die Meere gesegelt und von menschenfressenden Inselbewohnern gefangen gehalten worden, nachdem er wegen menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen desertierte. Später lebte Melville zurückgezogen in seinem oben geschilderten Zimmer als zerlebtes, unerkanntes Genie. Hier vollendete er sein Werk. „Melville konnte von seinem Leben abschreiben.“ In sechs dichten, interessanten Essays schaffen es Rüdiger Barth und Marc Bielefeld über die Lebensgeschichten dieser Schriftsteller an deren Werk heranzuführen. Neben den bekannten Büchern – wie Conrads „Herz der Finsternis“, Melvilles „Moby Dick“ oder „Der alten Mann und das Meer“ von Hemingway – weisen sie auch auf unentdeckte Schätze der sechs hin. Melville, London, Crane, Conrad, Hemingway und Traven sind nicht nur große Dichter und „die größten Abenteurer der Weltliteratur“, sondern auch Vorbilder. Nicht immer in den Taten, aber in ihrer ungewöhnlichen Erfahrungssucht: „Bleib treu den Träumen deiner Jugend.“ Steht im Bücherregal zwischen: „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez, einer kleinen literarischen Fingerübung über die Liebe zu den Büchern, und B. Travens „Totenschiff“, dem Roman einer vollkommen unromantischen Schifffahrt – gemischt mit bissigen, polemischen Attacken auf den Kapitalismus – und einem der besten Abenteuerbücher überhaupt. Wilde Dichter – Die größten Abenteurer der Weltliteratur von Rüdiger Barth und Marc Bielefeld, 325 Seiten, 19 Euro Neunzig. Erschienen bei Malik.

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