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Paul hat ein Jahr ohne Internet gelebt - in der Hoffnung, sich vor den negativen Auswirkungen des digitalen Lebens schützen zu können. Am Ende stand allerdings eine ganz andere Erkenntnis.
juliane-frisse

Angestrichen:
It's a been a year now since I "surfed the web" or "checked my email" or "liked" anything with a figurative rather than literal thumbs up. I've managed to stay disconnected, just like I planned. I'm internet free. And now I'm supposed to tell you how it solved all my problems. I'm supposed to be enlightened. I'm supposed to be more "real," now. More perfect.  

But instead it's 8PM and I just woke up. I slept all day, woke with eight voicemails on my phone from friends and coworkers. I went to my coffee shop to consume dinner, the Knicks game, my two newspapers, and a copy of The New Yorker. And now I'm watching Toy Story while I glance occasionally at the blinking cursor in this text document, willing it to write itself, willing it to generate the epiphanies my life has failed to produce.  

I didn't want to meet this Paul at the tail end of my yearlong journey.

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Illustration: Julia Schubert



Wo steht das denn?
In einem Erfahrungsbericht des Technologie-Reporters Paul Miller auf der Website „The Verge“ vom 1. Mai, der dort über sein Jahr ohne Internet reflektiert. Am 30. April 2012 ging Paul Miller für ein Jahr komplett offline. Zuhause kappte er seinen Internetzugang, sein Smartphone tauschte er gegen ein Uralt-Handy aus. Paul war damals 26 Jahre alt, ein Digital Native also, der mit dem Netz aufgewachsen ist und sich eine Welt ohne WLAN kaum vorstellen konnte. Doch Anfang 2012 fühlte er sich ausgebrannt und wollte deshalb aus dem Hamsterrad des modernen Lebens mit dem ständigen Ping des E-Mail-Accounts und der 24/7-Informationsflut ausbrechen, wie er in seinem Text schreibt. Dann würde schon wieder alles besser werden.  

Sein Arbeitgeber bot Paul daraufhin an, seinen Ausstieg zu seinem nächsten journalistischen Projekt zu machen. Er solle versuchen, das Internet aus der Distanz zu verstehen. Pauls Hoffnung: Nicht nur er würde also durch seine digitale Abstinenz zu einem besseren Menschen werden, sondern er könnte mit seiner zwölfmonatigen Recherche schließlich auch jedem anderen helfen, sich vom Internet nicht verderben zu lassen.  

Zwar bemerkte Paul am Anfang seiner Offline-Zeit tatsächlich diverse positive Veränderungen in seinem Leben: mehr Frisbee spielen und Fahrradtouren zum Beispiel, eine verlängerte Aufmerksamkeitsspanne,  dazu mühelos 15 Pfund Gewichtsverlust. Doch als seine Netz-Abstinenz mit den Monaten alltäglich und  banal für ihn wurde, verschwand sein anfänglicher Elan und Paul mutierte zur Couch-Potatoe, der es zu anstrengend war, andere Menschen zu treffen, zur Post zu gehen oder ein Buch zu lesen. Er entwickelte neue Offline-Laster. Und so stand am Ende seines Gap Years eine ganz andere Erkenntnis als die erwartete: Den besseren, realen Paul in dieser realen Welt, den gibt es nicht – und für das, was alles so falsch läuft, dafür sollte man nicht reflexartig das Internet verantwortlich machen.    

Und was bedeutet das?         
Der Siegeszug des Internets hat die Welt und unseren Alltag in den vergangenen 20 Jahren so extrem verändert wie nur wenige Entwicklungen zuvor. Zumindest darüber sind sich Netz-Enthusiasten und Kulturpessimisten einigermaßen einig, oft wird die Digitalisierung in ihrem revolutionären Potential mit der Industrialisierung verglichen. Doch wie dieser Umbruch zu beurteilen ist, darüber streiten sich die beiden Fraktionen seit Jahren auf das Heftigste. Was den Kritikern wie etwa dem Gehirnforscher Manfred Spitzer, der vor einigen Monaten mit seiner These der digitalen Demenz durch die Talkshows tingelte, in dieser Endlos-Diskussion gelungen ist: Irgendwie ist bei vielen, sogar Internet-Freunden wie Paul, das Gefühl hängen geblieben, dass uns das Netz zu schlechteren Versionen unser selbst macht: blöder, phlegmatischer und mit unverbindlichen Facebook-Kontakten statt wahrer Freunde (solche Gedanken sind übrigens nicht neu, sondern wurden auch bei anderen kulturellen oder technologischen Neuheiten wie dem Fernseher, dem Buchdruck und ja, sogar der Erfindung der Schrift vorgebracht). Und wenn wir den Stecker ziehen, dann wartet da die echte Welt mit dem wahren Leben auf uns.

Dabei fallen aber zwei wichtige Aspekte unter den Tisch. Erstens: Das Internet ist nicht gut oder schlecht – das Internet ist. Und zwar eine Infrastruktur, von der jeder für sich entscheiden kann, inwieweit er sie nutzen, ob er sogar komplett offline oder always on leben möchte. Die meisten entscheiden sich für etwas irgendwo dazwischen, denn zu einem normalen Leben gehört Skypen, Mailen und Facebooken heute dazu. Klar, es geht auch ohne, mitunter sogar sehr gut. Aber eben auch kaum besser.

Zweitens ist die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt ein seltsamerweise noch immer von vielen unhinterfragtes Konstrukt. Ja, man kann über eine Internetverbindung niemanden in den Arm nehmen oder küssen. Aber wenn man über das Netz mit weit entfernten Freunden, Familie und dem oder der Liebsten in Kontakt bleibt, dann ist das nicht weniger real als eine Frisbee durch den Park zu werfen.
 
Und so können wir mit Paul bitte ein für alle Mal festhalten: Internet ist, was du draus machst.



Text: juliane-frisse - BIld: mys/photocase.com

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